Kurz vor dem Kinostart von Die Zeit, die bleibt Anfang 2006 alberte sich Queen Latifah in Noch einmal Ferien als Verkäuferin aus New Orleans über die Leinwand, der eine tödliche Krankheit prognostiziert wird und die daraufhin all ihr Erspartes für eine Reise nach Europa in ein Luxus-Hotel investiert.
Die unsinnige Klamotte von Smoke -Regisseur Wayne Wang ignorierte schon beinahe provokant die Ernsthaftigkeit des angekündigten Abgangs, der damit lediglich Aufhänger für eine Komödie blieb, die sich gnadenlos ins Happy Ending verlief.
Von Anfang bis Ende konsequent ist dagegen Frankreichs Viel- und Autorenfilmer François Ozon (8 Frauen, Swimming Pool, 5x2) mit seinem neuen Drama. Der Vergleich zwischen Hollywoodkomödie und französischem Drama mag hinken, doch beider Thematik ist im Ansatz die gleiche, und Ozon gelingt hier eine mit Abstand glaubwürdigere und wundervoll subtile Reflektion über einen Dead-Man-Walk. Als adäquater Vergleich sei ausgleichend Mein Leben ohne mich von 2003 angeführt, in dem sich Isabel Coixet mit Sarah Polley in der Hauptrolle eindringlich und zärtlich der Materie annahm.
In Die Zeit, die bleibt verkörpert Melvil Poupaud den erfolgreichen Model-Fotografen Romain, der sich selbstverliebt am Leben vorbei fotografiert, bis ein tödlicher Tumor in seinem Kopf diagnostiziert wird. In der Zeit, die ihm bleibt, merkt der Dreißigjährige, wie tot er innerlich bereits ist. Ozon lenkt ihn im Folgenden nicht etwa durch reuevolle Abschiedsbrimborien, sondern erlaubt seinem Helden den stillen Rückzug aus dem verkorksten Leben, das er nun versucht, für sich in Würde zu beenden. Romain behält die Diagnose für sich, trumpft zu Beginn vielmehr noch einmal zynisch gegen die Schwester auf und beendet die Beziehung zu seinem Freund Sasha (Christian Sengewald), um sich dem vergraulten Umfeld schließlich neu zu nähern: Der Perspektivlosigkeit entwachsen neue Perspektiven.
Nur seiner Großmutter (Jeanne Moreau), mit der er sich aufgrund der beiderseitigen Todesnähe besonders verbunden fühlt, teilt er sich schließlich mit. Die Nacht, die er bei ihr verbringt, ist zugleich Glanzlicht des Films und lässt angesichts ihrer Kürze gar ein eigenständiges Filmchen über diese Begegnung herbeisehnen. Ozon hingegen addiert neben Freund und Familie noch weitere Figuren hinzu, die den zunehmend abgemagerten Romain schicksalhaft auf seinem Weg in den Tod begleiten.
Frankreichs Regie-Wunderkind François Ozon ließ sich bisher weder durch Genres noch durch Inhalte eindeutig festlegen, wohl aber durch seine fortwährenden visuellen Huldigungen an die Frau. Jeanne Moreau, laut Ozon „die Verkörperung aller Frauen“, darf nun seinen ersten männlichen Helden begroßmuttern. Mit poetischer Stille und gewohnt offensiven Sexszenen spiegelt Ozon so (untypisch französisch) wort- wie schonungslos das Innenleben seines Protagonisten, dessen wachsende Reife mit dem körperlichen Verfall einhergeht.
Das Meer bildet den Rahmen von Kindheitserinnerungen bis zum Tod, das veränderte Verhältnis Romains zur Fotografie spiegelt seinen Seelenzustand, und kitschig wird Ozon nie dabei. Der komplette Rückzug des Todgeweihten mag vielleicht genauso wenig auf Verständnis stoßen wie Latifahs Flucht in Prass und Luxus, doch bleibt das hier nachvollziehbar, zurückhaltend poetisch und konsequent bis in den letzten Sonnenuntergang. HE
F 2005 (Le temps qui reste) Regie und Buch: François Ozon. Mit: Melvil Poupaud, Jeanne Moreau, Valeria Bruni-Tedeschi, Daniel Duval, Marie Rivière, Christian Sengewald. 86 Min.
ARD, Sonntag, 27. Januar 2008, 0.00 Uhr
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