Zum Lächeln oder gar zum Lachen gibt es in Jacobo Köllers Leben wahrlich nicht viel. In Montevideo besitzt er eine Sockenfabrik mit drei Angestellten, die mehr schlecht als recht läuft. Mit den veralteten Maschinen und der zeitaufwändigen Nachbesserung von Hand ist er mit seinen Waren kaum mehr konkurrenzfähig. Sein Privatleben verläuft gleichermaßen monoton.
Als sich nun nach Jahren sein in Brasilien lebender Bruder für einen Besuch angekündigt hat, bittet Jacobo seine langjährige Mitarbeiterin Marta, sich für Herman als Jacobos Ehemann auszugeben. Als Herman länger bleibt als erwartet und sie zu dritt einen Ausflug ans Meer unternehmen, geraten die eingeschliffenen Alltagsroutinen gehörig ins Wanken.
Mit 'Whisky' hat dieser liebenswerte kleine Film aus Uruguay nur beiläufig etwas zu tun. Bei uns sagt man beim Fotografen „Cheese”, um das gewünschte Grinsen auf die Fotos zu zaubern, im spanischen Sprachraum muss das Wort „Whisky” für das gleiche Ergebnis herhalten. So wird der amüsierte Zuschauer Zeuge, wie sich Jacobo und Marta gemeinsam beim Fotografen einfinden, um ein gemeinsames Hochzeitsfoto zu fingieren.
Nicht nur in dieser witzigen kleinen Szene erweisen die beiden Regisseure und ihre Kamerafrau Bárbara Álvarez enormes Geschick im Einfangen der richtigen Bilder. Die Kadrierung des Films wird hier so gewählt, dass sie dem Sucher der Fotokamera entspricht. Der zwei Köpfe größere Jacobo ragt aus dem Bild heraus und muss sich kurz vor dem „Whisky”-Sagen auf die Höhe der kleinen Marta herunterbeugen. Auch an vielen anderen Stellen des Films wird Bárbara Álvarez ihr Gespür für spannende Bildausschnitte unter Beweis stellen, um die Zuschauer mit ungewöhnlichen Perspektiven, viel sagenden Bildarrangements und symbolischen Einstellungen zu überraschen und zu unterhalten.
Juan Pablo Rebella und Pablo Stoll nehmen sich für ihre Dramaturgie viel Zeit, ihr ruhiger und größtenteils sehr wortkarger Film stellt eine gewollte Abgrenzung zu spektakulären Mainstreamfilmen dar. Doch gerade mit diesem bewusst minimalistischen Erzählstil gelingt es ihnen, die Eintönigkeit des Alltags seiner Protagonisten zu schildern und den Unterschied zu den Szenen im letzten Drittel deutlich zu machen, die für die meisten Menschen wohl ebenfalls als nicht sonderlich Aufsehen erregend klassifiziert werden würden, für Jacobo und Marta indes eine ungewohnte Abwechslung vom Alltagstrott darstellen.
Uruguay ist ein kleines Land mit gerade mal drei Millionen Einwohnern und einer kaum existenten filmischen Infrastruktur. Dass dort dennoch Filme wie 'Whisky' oder Diego Arsuagas 'Der letzte Zug' gedreht werden, sollte Produzenten in den großen Filmnationen dieser Welt zumindest ein bisschen neidisch machen. Frank Brenner UR/D 2004. Regie: Juan Pablo Rebella, Pablo Stoll. Mit: Andrés Pazos, Mirella Pascual, Jorge Bolani, Ana Katz, Daniel Hendler. 94 Min.
arte, Mittwoch, 7. Mai 2008, 22.45 Uhr
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