Im deutschen Gegenwartskino gibt es kaum einen Regisseur, der stilsicherer und überzeugender mit seinen unterschiedlichen Geschichten und Filmideen umzugehen versteht, als Andreas Dresen.
Mit seinem Dokumentarfilm 'Herr Wichmann von der CDU' hat er 2003 bewiesen, dass man sehr wohl einen Protagonisten kritisch mit der Kamera begleiten kann, ohne dessen Persönlichkeit vorzuführen oder sich gar über ihn lustig zu machen. Eine Gratwanderung, die bei einer so heiklen Thematik längst nicht jedem Filmemacher so überzeugend gelingt.
Mit dem Improvisationsdrama 'Halbe Treppe' oder der kongenialen Literaturverfilmung 'Willenbrock' hat Dresen auch im Bereich der filmischen Fiktion Einfühlungsvermögen und visuellen Einfallsreichtum bewiesen. 'Sommer vorm Balkon' ist ein weiterer, auf geradezu geniale Weise geglückter Versuch, deutsche Befindlichkeiten in einer ansprechenden Mischung aus Komödie und Drama darzubieten.
Katrin und Nike sind gute Freundinnen, die auf unterschiedlichen Etagen eines Berliner Mietshauses wohnen und derzeit keinen Partner haben. Katrin lebt von ihrem Mann getrennt, ihr pubertierender Sohn Max ist der depressiven, fast vierzigjährigen Frau keine wirkliche Stütze, zumal sie arbeitslos und auch in Liebesdingen wenig erfolgreich ist. Nike verliebt sich gerade in den Fernfahrer Ronald, als Katrin in einem ihrer gewohnheitsmäßigen Alkoholexzesse von einer Discobekanntschaft fast vergewaltigt wird.
Es ist schon erstaunlich, wie gut es Andreas Dresen auch hier wieder gelungen ist, die Balance zwischen Komödie und Drama zu wahren. Wäre 'Sommer vorm Balkon' nur einen Tick komischer, könnte er kaum mehr als Charakterdrama durchgehen, wäre er indes in seinen Dialogen noch hintergründiger und in seiner Figurenentwicklung noch schonungsloser, dann dürfte man ihn auch nicht mehr guten Gewissens als Komödie einstufen. So hat er von allem etwas, genau in der richtigen Mischung, und ist damit das authentischste Abbild des Lebens, das man in eine eineinhalbstündige Filmhandlung pressen kann.
Dresen weiß genau, wie er das Tempo der Handlung steuern muss, wann er welchen skurrilen deutschen Schlager in den Soundtrack packt, um die Intentionen des Drehbuchs zu unterstreichen und wie er das Beste aus seinen grandiosen Schauspielern herausholen kann. Inka Friedrich ('Willenbrock') ist einmal mehr fantastisch als vom Leben gebeutelte Mutter, die zwischen Lebensfreude und Schwermütigkeit mit sämtlichen Nuancen zu pendeln versteht. Nadja Uhl ('Das Wunder von Lengede') ist der ideale Gegenpol zu Friedrichs Katrin, die etwas naive, aber überaus liebenswerte Altenpflegerin Nike, die nicht nur durch ihre knappen Outfits besticht, sondern sich in den entscheidenden Momenten auch angemessen zur Wehr setzen kann. Eine Perle deutschen Filmschaffens und einer der beeindruckendsten Kinofilme des Jahres 2006. Frank Brenner
D 2005. Regie: Andreas Dresen. Mit: Inka Friedrich, Nadja Uhl, Andreas Schmidt, Stephanie Schönfeld, Christel Peters, Vincent Redetzki. 105 Min.
arte, Donnerstag, 21. Februar 2008, 21.00 Uhr
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