Zum zweiten Mal schon hat Bahman Ghobadi mit einem seiner Werke Filmgeschichte geschrieben.
Der 1968 im iranischen Kurdistan geborene Regisseur, der in den 90er Jahren mit etlichen preisgekrönten, semi-autobiografischen Kurzfilmen international in Erscheinung trat und später als Regieassistent für Abbas Kiarostami arbeitete, drehte im Jahr 2000 mit Zeit der trunkenen Pferde den ersten rein kurdischen Film.
Mit Schildkröten können fliegen hat er dann nicht nur den ersten irakischen Film seit dem Sturz des Saddam-Hussein-Regimes gedreht, sondern gar den ersten irakischen Film seit 26 Jahren – ein erschütterndes Dokument, das auf dem Filmfestival in San Sebastián als bester Film prämiert wurde und auf der Berlinale den Friedensfilmpreis verliehen bekam.
Angesiedelt in einem kurdischen Kinderflüchtlingslager an der nordirakischen Grenze zur Türkei, schildert Ghobadis Film ungeschönt den Alltag seiner halbwüchsigen Protagonisten. Die Waisen verdienen ihren kärglichen Lebensunterhalt damit, Landminen zu entschärfen und einzusammeln, um sie an Waffenhändler verkaufen zu können. Viele von ihnen haben bei dieser gefährlichen Tätigkeit Arme, Füße oder Beine eingebüßt, sind aber gezwungen, weiterzumachen, wenn sie überleben wollen. Vor diesem schonungslosen Hintergrund erzählt der Regisseur die verhaltene Liebesgeschichte zwischen dem cleveren Satellit und der hübschen Agrin, die aufgrund einer Vergewaltigung bereits einen kleinen, blinden Sohn hat.
Bahman Ghobadi standen für seinen Film keine Schauspieler zur Verfügung, da es bislang kein kurdisches Filmschaffen im eigentlichen Sinne gibt. Deswegen arbeitet er hier ausnahmslos mit Laiendarstellern, die in ihre Rollen einen Großteil eigener persönlicher Erfahrungen einfließen lassen können: viele von ihnen kennen das Minensuchen aus eigener Erfahrung und haben tatsächlich Gliedmaßen dabei verloren. Wie bereits in Siddiq Barmaks Osama, dem ersten afghanischen Film nach der gewaltsamen Niederschlagung des Taliban-Regimes, gewinnt man nicht zuletzt dadurch auch bei Schildkröten können fliegen den Eindruck, einem Stückweit authentischer Dokumentation innerhalb der filmischen Fiktion beizuwohnen. Die poetische Bildsprache, mit der Ghobadi auch selbst die schrecklichsten Ereignisse schildert, sind nicht etwa verklärend oder beschönigend, sondern schaffen es vielmehr, der an sich todtraurigen und bitter-realistischen Handlung den berechtigten Anspruch auf ein kleines bisschen Hoffnung zu verleihen. FB IRN/IRQ/F 2004 (Lakposhtha hâm parvaz mikonand) Regie: Bahman Ghobadi. Mit: Avaz Latif, Soran Ebrahim, Saddam Hossein Feysal, Hiresh Feysal Rahman, Abdol Rahman Karim, Ajil Zibari. 98 Min.
3sat, Dienstag, 11. Dezember 2007, 23.10 Uhr
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