Man kann sich, nachdem man 'Lemming' gesehen hat, selber einmal fragen, ab welchem Punkt denn eigentlich der Film vollends Irritation wird. Denn schon im anfänglich so betont Normalen schwingt etwas seltsam Traumhaftes. Eine Nuance Unstimmigkeit, eine leise Dissonanz unter der harmonischen Oberfläche.
Nicht, dass Alain und Bénédicte Getty davon etwas spüren. Sie ist die hübsche Ehefrau im adretten Reihenhaus. Er der begabte Tüftler, der als Ingenieur an der Entwicklung einer revolutionären Überwachungskamera arbeitet. Eine Arbeit, die so Erfolg versprechend ist, dass Chef Pollock sich nebst Ehefrau bei den Gettys zum Abendessen einlädt.
Vom französischen Romanzier Robbe-Grillet gibt es einen Satz: „Mir ist, als dauere mein Schlaf, während ich träume, aus ihm aufzutauchen, weiter an.“ 'Lemming' funktioniert so ähnlich: Ein Alptraumirrgarten, aus dem es kein Entrinnen gibt, da man nie sicher sein kann, ob das Erwachen nicht auch nur ein geträumtes ist.
Klingt kompliziert? Ist es aber nicht. Darauf einlassen muss man sich freilich. Dominik Moll baut ein Spiegelkabinett der Neurosen und Urängste. Und wie er das inszeniert, ist schon famos: Wie das gemeinsame Abendessen in einem Fiasko endet, wie Alain noch in der gleichen Nacht aus der verstopften Spüle einen halbtoten Nager befreit, der sich als eben jener titelgebende Lemming entpuppt – und der, ganz klassisch als Deus ex Machina, eine Handlung in Gang setzt, die sich zur Studie einer gefährlichen Verwirrung entwickelt. Der Alltag wird Alptraum, die Vernunft Wahn.
Da wird es Tote geben, Blut fließen. Das ahnt man sehr schnell. Doch Moll kümmert sich erstmal um den Lemming. Wie kommt ein Tier, welches nur in skandinavischen Breiten lebt, in die Spüle eines südfranzösischen Haushalts? Wie konnte es darin überleben? Und was ist mit all jenen Legenden von den Lemmingen als sporadische Kollektiv-Selbstmörder?
Daran, wie ein possierliches Tierchen zum Knackpunkt einer düsteren Geschichte wird, kann man natürlich auch Molls souveränen Umgang mit Filmvorbildern erkennen: Der Nager funktioniert, ganz im Hitchcockschen Sinne, als MacGuffin. Als kleines Ablenkungsmanöver, das sich bei Moll jedoch noch auf das ironischste erklärt.
Nicht, dass mit Erklärungen hier inflationär umgegangen wird – Moll weiß um die Schönheit des Rätsels, des Geheimnisvollen. Und er weiß, dass mit zuviel rationaler Logik dieses nur banalisiert wird. Aber all die wie nebenher gezeigten Kleinigkeiten, kurze Szenen – wie der Nachbar seinen Sohn ohrfeigt, die Blicke bei Tisch, scheinbar unbedeutende Worte – all das hat natürlich mehr Gewicht, als die Inszenierung glauben machen will. Anders gesagt: Moll verkauft sein Publikum nicht für dumm. Alles was er zeigt, kann helfen, das Rätsel zu lösen.
Nur, dass Moll nicht an Lösungen glaubt. Da windet er sich, ziemlich geschickt. Tarnt den Psychothriller auch schon mal als Geistergeschichte. Die als Liebesdrama und das wiederum als Satire. Wie Alain, für den Kontrolle Vorraussetzung für Lebensglück ist, eben die Kontrolle über sein Leben verliert – das zelebriert Moll geradezu lustvoll boshaft. Doch ist auch das von schlafwandlerischer Exaktheit. Zur Perfektion bringt das ein wundervolles Schauspieler-Ensemble. Zumal die beiden Charlottes in ihrer unterkühlten Abgründigkeit atemberaubend sind. Zwei schöne Gesichter eines faszinierenden Alptraums. Steffen Georgi F 2005. Regie und Buch: Dominik Moll. Buch: Gilles Marchand. Mit: Laurent Lucas, Charlotte Gainsbourg, Charlotte Rampling, André Dussolier, Michel Cassagne, Jacques Bonnaffé, Véronique Affholder. 129 Min.
ZDF, Montag, 3. März 2008, 22.45 Uhr
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