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Komm näher


Die junge Architektin Ali (Stefanie Stappenbeck) erfüllt sich mit ihrem introvertierten Freund David (Marek Harloff) und ihrem kleinen Sohn den Traum von Karriere und Familie, auf Kosten Davids, der sich schweigend der fehlenden Nähe ergibt.

Alis instabile Schwester Mathilda (Meret Becker) jobbt sich von der Kantinenputzkraft zur Currywurstverkäuferin, der schnelle Quickie erspart ihr gefürchtete Bindungen. Eines Tages wird das launische Nervenbündel ausgerechnet von einem verhassten Polizisten umgerannt, den sie verflucht und der ihr wieder begegnen wird. David nimmt sich derweil eine Auszeit und trifft dabei auf den verlebten Taxifahrer Andi (Fritz Roth), der gerade dabei ist, mit einem Blind Date die Liebe für den Lebensabend zu suchen. Das Date heißt Johanna (Heidrun Bartholomäus) und befindet sich im verzweifelten Kampf mit ihrer pubertierenden, 16-jährigen Tochter Mandy (Marie-Luise Schramm). Die umkämpft zu Hause lautstark das Revier, hasst aber eigentlich nur sich selbst und ihre respektlose Rebellion. Das verschweigt sie ihrer Mutter, erzählt es aber ihrem neuen Telefonflirt: Andi.

Um die Suche nach und die Flucht vor Gefühlen kreisen Vanessa Jopps tragikomische Einblicke ins Großstadtleben, in denen sich Kopf- und Bauchmenschen schreiend und schweigend die Zweisamkeit gestalten. Es sind die Menschen von nebenan, wie sie uns auch in Filmen wie 'Urlaub vom Leben' begegnen. Figuren, die sich einreihen in ein deutsches Kino, das mit Herz, rührender Schlichtheit und Zuversicht das Leben, die Träume und die Ängste seines Volkes beschreibt, von Menschen erzählt, die ein wenig ausbrechen oder einfach nur geliebt werden möchten, wie einst ein Fassbinder, nur fröhlicher und optimistisch, trotz kleiner Bitterkeit.

Die Schauspieler waren an der Figurenbildung beteiligt, und Jopp bewegt sich gemeinsam mit gelungen ausgesuchten Charakterköpfen durch viele improvisierte Szenen. Marie-Luise Schramm ('Bin ich sexy?') entspricht dabei zwar wieder ihrer bewährten Rolle als Großstadtgöre, während sich Meret Becker weiterhin auf ihrem durchaus gelungenen Typus der launenhaften, weltentrückt Gestrandeten ausruht, doch das schadet dem Film nicht. Es sind nicht die Stereotypen, die Identifikationspotenzial besitzen, es sind ihre wahrhaftigen Gefühle.

Kameramann Rainer Klausmann, der bereits „großes Kino“ ('Der Untergang') ohne Angst vor Nähe bebilderte, nimmt sich zurück und beobachtet das Geschehen mit zwei Digitalkameras. Das kleine, spontane Bild beherrscht er ebenso souverän wie vorherige Breitwandspektakel, und beides gestaltet er gleichwertig kinotauglich. Eigenwillig ist dabei die Montage dieser Bilder: Die Einstellungen bilden oft keine geschlossenen Sequenzen, sondern reihen sich pausenlos oder auch mal innerhalb großzügiger Zeitsprünge fragmentarisch aneinander, um am Ende ein dynamisches, rundes Mosaik zu ergeben. Die daraus resultierende Gleichberechtigung der Geschichten entspricht auch der Besetzung: Es ist ein Film voller Nebenrollen. Ein kleiner Film, der sich nicht entlang elitärer bzw. bankrotter Randgruppen tastet, ein Film aus dem Leben und drum herum, der einen trotz seines Konfliktpotenzials am Ende nicht in die Schwermut entlässt. HE

D 2005. Regie: Vanessa Jopp. Buch: Adrienne Bortoli, Stefan Schneider. Mit: Meret Becker, Stefanie Stappenbeck, Heidrun Bartholomäus, Marek Harloff, Fritz Roth, Marie-Luise Schramm. 97 Min.

arte, Mittwoch, 12. März 2008, 22.45 Uhr

 

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