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Intime Fremde


Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, dass er über seine intimsten Sorgen und Nöte am besten mit Leuten sprechen kann, die er eigentlich überhaupt nicht kennt.

Auf diese Weise bekommt man bei ahnungslosen Kneipenbesuchen schon einmal unerwartet eine Lebensbeichte aufgedrängt. Und auf einem ähnlichen Prinzip beruht auch der Beruf des Psychoanalytikers – denn letztendlich ist dieser ja nicht viel mehr als ein ausgebildeter Zuhörer.

Patrice Lecontes 20. Langspielfilm, der 2004 im Wettbewerb der Berlinale zu sehen war, variiert auf subtile Weise das Psychoanalysemotiv und ist dabei mal wieder ein typisch französischer Film geworden, bei dem die Erotik im Kopf stattfindet und die Darsteller und Dialoge die Spannung gekonnt am Köcheln halten.

Anna hat Probleme in ihrer vierjährigen Ehe mit Marc. Um diese zu lösen, erhofft sie sich Hilfe bei einem Psychoanalytiker zu finden. Da sie sich aber versehentlich in der Tür irrt, beichtet sie dem ahnungslosen Steuerberater William, was zwischen Tisch und Bett nicht mehr im Lot ist. Der etwas weltfremde Mittfünfziger spielt zunächst mit, findet es aber alsbald nur fair, Anna von dem Missverständnis in Kenntnis zu setzen. Diese ist jedoch von seiner Einfühlsamkeit mehr als begeistert und vereinbart auch weiterhin Termine für Analysesitzungen beim Steuerberater. Die Lage spitzt sich zu, als William immer mehr von Annas Leben erfährt und eines Abends ihr eifersüchtiger Ehemann in seinem Büro steht.

Patrice Leconte (Die Verlobung des Monsieur Hire, Ridicule) gelingt es auch in diesem kleinen, intimen Film ausgezeichnet, die seelische Verfassung seiner beiden Protagonisten auszuloten. Sandrine Bonnaire, die bereits bei Maurice Pialat und Claude Chabrol brillierte, kann auch in dieser undurchsichtigen, betörenden Rolle wieder uneingeschränkt überzeugen.

Es ist allerdings der Charakterdarsteller Fabrice Luchini (Die Auferstehung des Colonel Chabert), der in dem Film die Show stielt. Wenn er zu Beginn mit Dackelblick nicht so recht versteht, wie ihm geschieht, wenn er frisch verliebt in seiner Wohnung zu einem Stück von Wilson Pickett über das Parkett wirbelt oder beim echten Psychoanalytiker im gleichen Flur professionelle Hilfe einholt, um Anna die richtigen Ratschläge geben zu können – stets stimmen seine Mimik und Gestik bis aufs I-Tüpfelchen.

Leconte legt auch großen Wert darauf, dass die Nebenfiguren bleibenden Eindruck hinterlassen. So gibt es u.a. Hélène Surgère als stets leicht genervte Sekretärin Williams, Urbain Cancelier als Patient mit Fahrstuhl-Phobie und eine ganze Reihe weiterer fein charakterisierter Figuren. Liebhaber französischer Dialogfilme mit dezenter Charakterkomik werden sich bei Lecontes Werk sicherlich wieder vorzüglich unterhalten. FB

F 2003 (Confidences trop intîmes) Regie: Patrice Leconte. Mit: Sandrine Bonnaire, Fabrice Luchini, Michel Duchaussoy, Anne Brochet, Gilbert Melki, Laurent Gamelon, Hélène Surgère, Urbain Cancelier. 104 Min.

ARD, Sonntag, 3. Juni 2007, 23.30 Uhr

 

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