Es ist schon eine ganze Weile her, seit die letzten wirklich originellen Dogma-Filme über die Leinwand flimmerten. Die Regisseure, die das Projekt 1995 gemeinsam initiierten, sind mittlerweile selbst abtrünnig geworden, halten sich nicht mehr pedantisch an die von ihnen aufgestellten Regeln und suchen sich neue filmische Herausforderungen.
Lars von Trier zum Beispiel hat dies mit dem eigenwilligen Experimentalprojekt 'The Five Obstructions' eindrucksvoll bewiesen. Die Tatsache, dass man sich bei Dogma-Filmen wildem Kameragewackel und schlecht beleuchteten Szenarien ausgeliefert sieht, ist schon längst seinerseits zu einer Konvention geworden, gegen die sich nur eine neuerliche Dogmatisierung wieder richten könnte.
Da ist es umso erstaunlicher, mit 'In deinen Händen' einen Dogma-Film präsentiert zu bekommen, der sich dieses Etikett stolz anheftet, aber dennoch nicht im selbstauferlegten Regelwerk erstarrt, sondern ein frisches, dynamisches und durchweg überzeugendes Kinoerlebnis bieten kann.
Annette K. Olesen schildert darin die Geschichte der jungen Pastorin Anna, die von einem erkrankten Kollegen die Stelle in einer Haftanstalt übernimmt und dort die Bekanntschaft mit einer ebenfalls neu eingelieferten jungen Frau macht. Kate sitzt ein, weil sie ihre Aufsichtspflichten gegenüber ihrem minderjährigen Kind vernachlässigte, was zur Folge hatte, dass dieses qualvoll verdurstete. Dem deutschen Arthaus-Fan fallen die Parallelen zum Dokumentarfilm 'Die Kinder sind tot' natürlich gleich auf. Aber Olesen geht es kaum um diese zurückliegende Tragödie, sondern vielmehr um die Personen im Gefängnis und ihre Beziehung zueinander. Da gibt es noch die junge Drogenabhängige, die durch die Heilkraft von Kates Händen und ihrer Beziehung zu Gott clean geworden zu sein scheint; die burschikose Jossi, die in der Anstalt das Sagen hat und die kriminellen Frauen abhängig halten will, um Geld zu verdienen; und schließlich den Aufseher Henrik, der sich von Kate angezogen fühlt, was seinerseits zu Problemen führt. Im Mittelpunkt all dessen steht jedoch Anna, die eigentlich keine Kinder bekommen kann, nun aber doch schwanger geworden ist und vom Arzt erfahren muss, dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass ihre Tochter mit einer Behinderung zur Welt kommt.
Annette K. Olesens Dogma-Inszenierung schafft es bei diesem komplexen Figurenkonstrukt, das auch mit einer ganzen Reihe handfester Konflikte angereichert ist, die Zuschauer in ihren Bann zu schlagen. Es fehlt jegliche musikalische Untermalung, die Handkamera ist dicht an den Charakteren dran und bleibt beweglich und realitätsnah. Man muss schon ein emotionaler Klotz sein, wenn einem die fassungslosen Diskussionen zwischen der Pastorin und ihrem Freund Frank, ihren gemeinsamen Besprechungen mit dem Gynäkologen und ihre Abwägungen für und gegen eine Abtreibung nicht nahe gehen.
Die Frau, die sich eigentlich nichts sehnlicher wünschte als ein Kind, jahrelang aber mit der Gewissheit leben musste, dass sie nie eines bekommen wird, muss sich nun mit der Tatsache einer möglichen Behinderung ihres Nachwuchses abfinden, während sie bei ihrer täglichen Arbeit mit Menschen konfrontiert wird, die ihre Babys verdursten ließen. Mit den Widersprüchen, die dieser Konflikt bei Anna zu ihrem Glauben und ihrem Gewissen auslöst, beschäftigt sich 'In deinen Händen' auf sensible und stimmige Weise. Ähnlich wie in Stephen Kings Roman „The Green Mile”, der im Todestrakt eines US-Gefängnisses spielt und einen zutiefst gläubigen und mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestatteten unschuldig Verurteilten zu einer Art Erlöserfigur stilisiert, dient in Olesens Film Kate als symbolisches Bindeglied zwischen der Spiritualität und der Realität. Das Ende wird zwar bewusst offen gehalten, es liegt jedoch der bittere Schluss nahe, dass auch eine engagierte Pastorin an den Prüfungen des Lebens zerbrechen kann. Frank Brenner DK 2003 (Forbrydelser) Regie: Annette K. Olesen. Mit: Ann Eleonora Jørgensen, Trine Dyrholm, Sonja Richter, Nicolaj Kopernikus, Lars Ranthe, Jens Albinus, Sarah Boberg. 101 Min.
arte, Mittwoch, 30. April 2008, 23.40 Uhr
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