Es gab schon im Vorfeld großen Wirbel um Hans Weingartners zweiten Film nach seinem spektakulären Debüt mit Das weiße Rauschen im Jahr 2001.
Seit zehn Jahren hatte es mit Die fetten Jahre sind vorbei 2004 endlich einmal wieder ein deutscher Regisseur in den offiziellen Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes geschafft. Obwohl der Film letztendlich leer ausging, war das Medieninteresse geweckt und dem Film eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit zuteil geworden.
Jan und Peter sind die besten Freunde, die sich in Berlin eine WG teilen und nachts gemeinsam ihre Ideale ausleben. Sie brechen nämlich in die Villen der Bonzen der Hauptstadt ein, aber nicht, um etwas zu stehlen und sich persönlich zu bereichern, sondern lediglich um für Chaos im Haus zu sorgen und den Besitzern mit anonymen Hinweisen Angst zu machen. Ihnen soll damit klar gemacht werden, dass sie zuviel Geld besitzen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird und dass sie in ihren Elfenbeintürmen keinesfalls so sicher sind, wie sie sich vielleicht fühlen. Mit Peters Freundin Jule, die sich immer mehr zu Jan hingezogen fühlt, geht eines Nachts ein Einbruch schief. Die Täter werden vom Hausbesitzer ertappt und sogar erkannt, weshalb sich die drei dazu entschließen, den Millionär zu kidnappen, bis ihnen eine Lösung für das Problem eingefallen ist.
Im deutschen Kino des Jahres 2004 wurde, wohl aufgrund der seinerzeit noch sehr angespannten wirtschaftlichen Situation in Deutschland, stärker als je zuvor das Funktionieren unserer kapitalistischen Gesellschaft seziert. Marcus Mittermeier schickte in seinem Film Muxmäuschenstill seinen Protagonisten auf moralischen Läuterungszug durch die deutschen Lande und versuchte in seiner pointierten Parabel, die Missstände von der rechten Seite aus zu bekämpfen.
Hans Weingartner nähert sich dem Problem von links. Seine Helden sind revoltierende Idealisten, die den Mächtigen mit den dicken Brieftaschen zeigen wollen, was alles falsch läuft. Spätestens, nachdem sie den Großverdiener Hardenberg gefangen genommen haben, entwickelt sich der Film zu einem vielschichtigen Gedankenspiel über die Moral der Gesellschaft, über richtiges und falsches Handeln und über veränderte Denkansätze.
Weingartners straffe Regie und ein hervorragend geführtes, bemerkenswertes Darstellerensemble gestalten diese gesellschaftskritischen Fragestellungen innerhalb eines gut funktionierenden Spannungsplots äußerst sehenswert. Gegen Ende steigert sich die Handlung zunehmend in absurde Situationen hinein, doch auch Weingartners Auflösung macht Sinn und hält einen gelungenen, reaktionären Schlussgag parat. FB
D/A/F 2004. Regie: Hans Weingartner. Mit: Daniel Brühl, Julia Jentsch, Stipe Erceg, Burghart Klaußner, Hanns Zischler, Claudio Caiolo, Bernhard Bettermann. 126 Min.
arte, Donnerstag, 24. Mai 2007, 20.40 Uhr
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