Ein ganz normaler Tag an einer amerikanischen Highschool. Auf dem Football-Feld läuft ein Match; einer der Schüler geht seinem Hobby des Fotografierens nach und entwickelt Bilder für eine Bewerbungsmappe im Highschool-Labor; der Mädchenschwarm stößt bei den magersüchtigen Mädchen auf reges Interesse; in der Bibliothek werden Bücher einsortiert.
Und plötzlich sind sie da: zwei Schüler, die bis unter die Zähne bewaffnet in das Schulgebäude eindringen und wahllos jeden erschießen, der ihnen vor den Lauf kommt.
Gus Van Sant, der eine der Galionsfiguren des Independent-Kinos war, bevor er mit Good Will Hunting auch zum Liebling der Massen avancierte, ist spätestens mit diesem Low-Budget-Film wieder zu seinen unabhängigen Wurzeln zurückgekehrt. Sein Film Elephant spiegelt eine gesellschaftliche Entwicklung wider, die in den letzten Jahren nicht nur das amerikanische Volk erschüttert hat. Aber Van Sant macht es seinen Zuschauern nicht leicht. Er präsentiert keine voreiligen Erklärungsversuche, erhebt nicht den moralischen Zeigefinger, sondern zeigt uns Momentaufnahmen aus dem Leben der Protagonisten, der Opfer und der Täter, ohne diese auf irgendeine Weise wertend zu kommentieren.
Es dauert über eine halbe Stunde, bis die Figuren eingeführt sind, dazwischen präsentiert uns der Regisseur nur gelegentlich Bilder, die auf das bevorstehende Gemetzel hindeuten. Seine Kamera folgt dem jeweils herausgepickten Teenager wie ein unerkannt bleiben wollender stiller Beobachter – in diesen Szenen sehen wir eher das Umfeld der jeweiligen Figur als diese selbst. Doch die Perspektive wird immer wieder gewechselt, Begegnungen, denen wir schon beigewohnt haben, sehen wir erneut aus einem anderen Blickwinkel. So fügt sich auf detaillierte Weise das Bild von den beteiligten Jugendlichen zusammen und gestattet uns eine authentische Annäherung in eine nur scheinbar heile Welt.
Gus Van Sant musste sich Vorwürfe gefallen lassen, er habe es sich mit Elephant zu leicht gemacht. Es gibt auch in der Tat diese Szenen, in denen sich einer der beiden Amokläufer an seinem Notebook mit einem Ballerspiel austobt – und die visuelle Parallele, wenn bei der Tat auch einmal die First-Person-Shooter-Perspektive eingenommen wird. Vor dem Massaker küssen sich die beiden männlichen Täter nackt unter der Dusche – auch deswegen gab es Schreie der Entrüstung.
Aber gerade diese Szene ist keineswegs Indiz dafür, dass die Schuld jungen Schwulen in die Schuhe geschoben werden soll – beim schwulen Regisseur Van Sant ohnehin eine unsinnige Unterstellung. Hier soll vielmehr, wie auch in einigen anderen, weniger deutlichen, aber deswegen nicht weniger wichtigen Szenen, aufgezeigt werden, dass die Schuldzuweisung keinesfalls so einfach ist. Der Grund für ein derart radikales Verhalten liegt eher in der Gleichgültigkeit und Zurückweisung, die der Jugend von Seiten der Gesellschaft entgegen schlägt. Ein wichtiger, verstörender Film, dem es aufgrund seiner polarisierenden filmischen Mittel eindrucksvoll gelingt, aufzurütteln und zum Nachdenken anzuregen. FB USA 2003. Regie, Buch und Schnitt: Gus Van Sant. Mit: Alex Frost, Eric Deulen, John Robinson, Elias McConnell, Jordan Taylor, Carrie Finklea, Timothy Bottoms. 81 Min.
arte, Montag, 14. Mai 2007, 20.40 Uhr
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