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Malocher in Hollywood: Kurt Russell im Portrait


In Europa wurde Kurt Russell vor allem durch seine Rollen in den frühen 80er Jahren bekannt. Nicht zuletzt durch seine Interpretation des ehemaligen Elitesoldaten Snake Plissken in Die Klapperschlange – eine Rolle, die seine Karriere prägte und die seine zahlreichen Figuren des All-American-Boy allesamt überschattete. Russells Charaktere changieren dabei fast immer zwischen dem liebenswerten, jugendlichen Anarcho-Rebellen mit dem eigentlich guten Herzen und dem abgebrühten, pflichtbewussten Befehlsempfänger.

In diesem Sinne gegen den Strich und gegen das Image des rebellischen Zynikers besetzt ist Russell in Wolgang Petersens Sommer-Blockbuster Poseidon. Und Russell scheint damit, betrachtet man sich die Entwicklung seines Figurentypus, endgültig im Establishment angekommen.

Russell spielt in Poseidon, von dem heute noch keiner so genau weiß, ob er seine immensen Produktionskosten an den Kinokassen je einspielen wird, einen frisch geschiedenen ehemaligen Bürgermeister. Der will mit einer ausgedehnten Urlaubsreise auf dem gleichnamigen Kreuzfahrtschiff dem sozialen und beruflichen Druck entkommen, der sein bisheriges Leben prägte – und findet sich doch schnell wieder in der sozialen Extremsituation, der er eigentlich entfliehen wollte: Im gekenterten Wrack der Poseidon muss er nicht nur mit den Widrigkeiten der physischen Umwelt kämpfen, sondern wird in der Gruppe der Überlebenden auch schnell in die Rolle des Leitwolfs gedrängt, der all seine Kräfte mobilisieren muss, um sein Rudel zusammen- und am Leben zu halten.

Kurt Russell ist ein Schauspieler, dem es immer auch gelang, in seinen Figuren den jeweiligen Zeitgeist zu konzentrieren. Und in den 80ern wurde der vor allem geprägt durch das wilde und unbändige Endzeitkino, in dem sich auf ganz spielerische Art und Weise die kollektiven gesellschaftlichen Ängste vor Umweltverschmutzung und Ressourcenverknappung ein Ventil verschafften.

Gleichzeitig waren die 80er aber auch die Zeit, in der mit dem richtigen Riecher auf dem B-Picture-Markt enorme Summen zu verdienen waren. Der Karrierestart von Mel Gibson etwa, dessen Mad Max 1979 mit vergleichsweise lächerlichen 400.000 Dollar Produktionskosten bis heute weltweit geschätzte 100 Millionen Dollar einspielte, dürfte da nicht nur für Die Klapperschlange als großes Vorbild gedient haben.

Beide Filme sind gleichermaßen apokalytisch angehauchte Science-Fiction-Ware, die in nicht allzu ferner, dafür aber umso brutalerer und völlig aus den sozialen Fugen geratener Zukunft spielen. Und Kurt Russells Snake Plissken ist neben Mad Max der wohl prägnanteste Vertreter eines bestimmten Figurentypus: der des düsteren Helden, der sich eigentlich um nichts und niemanden schert und dabei dennoch ganz eigene, individuelle Prinzipien hat, die ihn unter der rauhen Schale doch irgendwie sympathisch machen. Für Kurt Russell wird es die Rolle bleiben, mit der man sein markantes Gesicht zeitlebens in Verbindung bringen wird.

Russells eigentlicher Durchbruch auf dem amerikanischen Markt basiert jedoch auf einer Rolle der ganz anderen, einer von sehr viel geschmeidigerer Art. Richtig berühmt wurde er in den Vereinigten Staaten 1979 als „Elvis“ in der Titelrolle der Filmbiographie Elvis – The Movie unter der Regie von John Carpenter. Elvis, zunächst fürs Fernsehen produziert, fand erst nach seinem enormen Erfolg in der TV-Ausstrahlung den Weg auf die Kinoleinwand. Und er bedeutete für Regisseur John Carpenter, Regisseur auch von Halloween, wie für Russell den endgültigen Aufstieg in die zumindest zweite Star-Liga Hollywoods. Elvis sollte entsprechend nicht die letzte Zusammenarbeit zwischen den beiden bleiben: Zwei Jahre später kam besagte Klapperschlange, 1982 das spektakuläre Remake des Science-Fiction-Klassikers Das Ding aus einer anderen Welt, 1986 Big Trouble in Little China und zehn Jahre später schließlich noch das wenig erfolgreiche Sequel zu Die Klapperschlange: Flucht aus L. A.

Die enge Verbindung zur Person von Elvis Presley zieht sich wie ein roter Faden durch Kurt Russells Biografie. Russell stand bereits als Knirps in zahlreichen Statistenrollen vor der Kamera und ist so etwas wie ein wahres Produkt, oder besser, ein echtes Kind Hollwoods. Sein Vater, Bing Russell, verkörperte den Deputy Clem in der Serie „Bonanza“. Und der erste Auftritt des jungen Kurt, für den das Gelände der Disney-Studios wohl sowas wie ein zweiter Spielplatz gewesen sein muss, vollzieht sich in der Rolle des trotzigen kleinen Bengels, der den echten Elvis 1963 in dessen Ob blond – ob braun, gegen das Schienbein tritt. Nach diesem in den Filmcredits unerwähnt gebliebenen Einstieg in die Welt des Films schafft es Russell mit einem knappen Dutzend Disney-Familienkomödien, zum amerikanischen Kinderstar zu avancieren.

Und das ist bekanntlich die beste Voraussetzung, um an der Hürde zum ernst zu nehmenden Erwachsenenschauspieler kläglich zu scheitern. Entsprechend zieht sich der Durchbruch als Berufsschauspieler auch in die Länge: Russell schlägt sich, von seinem letzten Erfolg als Teeniestar in Es kracht – es zischt – zu seh’n ist nischt (1972) mit zahllosen kleineren Nebenrollen in TV-Produktionen und mit einigen eher mäßig erfolgreichen Leinwandproduktionen durchs Filmbusiness.

Erst sein Elvis ebnet Russell den Weg für eine ernst zu nehmende berufliche Karriere. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er sich bereits jede Menge Erfahrung erarbeitet und ist mit seinen knapp 30 Jahren schon ein alter Hase im Geschäft. Auch in seinen Rollen besiegelt Russell schnell das Image des hartgesottenen, manchmal zynischen, manchmal liebenswerten Einzelkämpfers. Bis zur Klapperschlange ist er an um die 50 Fernseh- und Filmproduktionen beteiligt. Zuweilen nur am Rande, wie auch 1994, wo er im Kassenhit Forrest Gump Elvis seine Stimme leiht. Im Jahr 2001 stülpt sich Russell das Elvis-Kostüm noch einmal richtig über: An der Seite von Kevin Costner überfällt er in Crime Is King ein Spielcasino, um sich mit seinem Partner anschließend ausgiebig um die Beute zu streiten.

Erfahrung mit deutschen Regisseuren kann Kurt Russell ebenfalls bereits vorweisen. Vor Wolfgang Petersen kam bereits Roland Emmerich auf die Idee, den vielleicht amerikanischsten aller Schauspieler für Stargate zu engagieren. Obwohl Russell eigentlich eher ein Star aus der zweiten Reihe ist und ihm der ganz große Durchbruch nie gelingen wollte, sind seine prägnanten Wangenknochen fast jedem Kinogänger weltweit bekannt. Vor allem vielleicht aus seinen „drahtigeren“ Tagen in Filmen wie Tango & Cash, Backdraft – Männer, die durchs Feuer gehen, Breakdown und Dark Blue oder aus seinen bereits etwas milderen, mitunter parodistischen Rollen in Vanilla Sky, Das Wunder von Lake Placid oder Sky High.

Für seine erst 55 Lenze wirkt Russell heute, und das wird gerade in Poseidon deutlich, bereits reichlich verbraucht. Echte Maloche hinterlässt eben auch in der Traumfabrik deutliche Spuren. Eventuell ist aber gerade das die beste Voraussetzung, noch einmal an den Beginn seiner Karriere anzuknüpfen und erfolgreich in die Rolle des ebenfalls früh gealterten König des Rock’n Roll zu schlüpfen. AW