
Ein Regisseur, der Testvorführungen konsequent verweigert und sich lieber auf seine Instinkte verlässt: Regie-Urgestein Sidney Lumet (l.) verfügt über das Privileg des 'final cut' und fällt auch sonst Entscheidungen lieber selbst.
Mit seinem Kinodebüt 'Die 12 Geschworenen' gelang dem langjährigen Theater- und Fernsehregisseur Sidney Lumet 1957 gleich ein Klassiker, Oscar-Nominierungen inklusive. Der Schauspiel-Regisseur drehte vorzugsweise Krimis der existentialistischen Art, von 'Serpico' über 'Hundstage' bis 'Network' oder 'Der Morgen danach'. Zu seiner Star-Armada gehören Größen wie Marlon Brando, Katharine Hepburn, Paul Newman, Al Pacino, Richard Burton, Sean Connery und Sharon Stone. Mit 83 Jahren präsentierte Lumet nun mit 'Tödliche Entscheidung' ein grandioses Alterswerk der überaus eleganten Art, diesmal mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke und Albert Finney. Mit dem Regisseur unterhielt sich FILMSTART-Mitarbeiter Dieter Oßwald.
Viele Kritiken schwärmen von Ihrem jüngsten Film als „Meisterwerk“ – wann merken Sie selbst, ob ein Kuchen gelungen ist?
Ich hatte absolut keine Ahnung, dass die Kritiken derart positiv ausfallen würden. Ich dachte, ich mache einen guten Film, der einige Spannung bietet, weil er ein so schönes Drehbuch hat. Dass man nun diese Tiefe darin entdeckt, war überraschend für mich, das macht mich sehr glücklich.
Ihr Autor Kelly Masterson ist absoluter Anfänger – wie gelingt einem Debütanten so ein Coup?
Man kann eben nie voraussagen, wie gut einem Autor seine Arbeit gelingt. Es war ähnlich schicksalhaft, wie ich an diesen Stoff gekommen bin. Weder der Autor noch sein Agent boten mir das Drehbuch an, sondern die Produzenten, die es bereits gekauft hatten. Ich las es und war sofort begeistert.
Ist das Filmemachen für Sie mittlerweile einfacher geworden oder ist es schwieriger?
Zum einen ist es einfacher, weil ich inzwischen weiß, was ich da mache. Andererseits ist es schwieriger, weil Filmemachen körperlich sehr anstrengend ist. Man ist ständig auf den Beinen und immer dem Wetter ausgesetzt. Bei der Szene im Einkaufszentrum war es beispielsweise so extrem heiß, dass alle bereits nach einer Stunde völlig erschöpft waren. Im klimatisierten Studio ist es kaum besser, weil ich in jeder Minute beim Drehen anwesend bin. Aber ich will mich nicht beklagen: Ich habe einen der besten Jobs der Welt.
Sie haben die besten Schauspieler der Welt – wie bekommt man die Höchstleistung aus Stars?
Dazu müsste ich einen vierstündigen Vortrag halten (lacht). Ich habe vor allem großes Mitgefühl und Verständnis für meine Schauspieler. Ich weiß, wie quälend ihr Beruf sein kann – und das spüren die Darsteller. Durch dieses Gefühl werden sie selbstbewusster und mutiger. Sie probieren Dinge aus, die sie sonst vielleicht nicht so einfach wagen würden.
Schauspielen ist eine Qual? Macht es nicht auch Spaß?
Ich bin der Meinung, dass es vor allem quälend ist. Jede gute Kunst bedarf der Preisgabe des Künstlers – und ich glaube, dass die meisten Menschen nicht sehr gerne ihre Geheimnisse oder ihre Intimität preisgeben. Es mag Ausnahmen geben, aber die Mehrheit macht das nur ungern – aber alle wissen, dass es für diesen Beruf unerlässlich ist. Der Spaß kommt erst, wenn die Arbeit getan ist.
Welche Rolle spielen die ausgiebigen Proben, die Sie unternehmen?
Lange Proben sind für mich ganz entscheidend. Dadurch bekommen die Schauspieler die notwendige Zeit, ihre Figur genau zu erforschen. All das passiert in großer Ruhe und Konzentration, es gibt kein Team und keine Kamera, die stören würde.

Hält lange Proben und ein intensives Verhältnis zu seinen Schauspielern für unabdingbar: Sidney Lumet im Gespräch mit 'Tödliche Entscheidung'-Hauptdarsteller und
"Branchen-Diva" Philip Seymour Hoffman
Woher kommt diese Vorliebe für die düsteren Seiten der Menschen in Ihren Filmen, Sie wirken nicht besonders optimistisch? Ich wäre sicher optimistischer, wenn ich Filme für Disney machen würde (lacht). Es geht nicht um die Frage, ob die Menschheit böse ist. Entscheidend ist die Frage, was besser für ein Drama ist. Leider wird das Melodrama vielfach unterschätzt und gilt als billiges Genre – das sehe ich anders.
Hatten Sie nie den Wunsch, eine leichte Liebeskomödie mit Julia Roberts zu drehen?
Mit Julia Roberts würde ich gleich morgen damit beginnen! Sie ist nicht nur eine begnadete Schauspielerin, sondern eine wunderbare Person. Mein Problem ist, dass mir diese Art von Komödie nicht besonders liegt. Bei natürlicher Komik bin ich noch ganz gut. Jack Warden ist in 'Die zwölf Geschworenen' zum Beispiel ziemlich komisch, aber das resultiert eben aus seinem realistischen Verhalten. Bei konstruierter Komik wäre ich nicht der richtige Regisseur.
Sind Sie ein Moralist?
Ich hoffe nicht. Moralisten sind langweilig und ziemlich unangenehme Zeitgenossen. Zudem sind sie falsch und verlogen, denn jeder von uns kommt in seinem Leben in Situationen, in denen er unmoralische Dinge tut. Wer sich nicht selbst vergeben kann, der führt kein schönes Leben.
Ihr Film ist ziemlich komplex, wie kompliziert kann eine Geschichte sein – oder traut Hollywood seinem Publikum traditionell viel zu wenig zu?
Hollywood hat die Intelligenz des Publikums schon immer unterschätzt. Nehmen Sie 'Das Schweigen der Lämmer' – komplizierter kann eine Geschichte kaum sein. Und beim Publikum war es ein enorm großer Erfolg.
Welchen deutschen Film haben Sie als letztes gesehen?
Ich gehe zwar sehr oft ins Kino, aber deutsche Filme werden hier leider selten gezeigt. So hoch entwickelt unsere Kinobranche in Amerika ist, gibt es für ausländische Filme kaum noch Platz. Früher gab es in New York ein Kino, das ausschließlich russische Filme zeigte, in zwei Kinos wurden nur französische Werke gespielt. Das existiert heute alles nicht mehr, das ist eine traurige Situation.
Sitzen Sie im Kino vorne oder hinten?
Ganz vorne natürlich, immer so nahe wie möglich an der Leinwand.
Was ist das unangenehme an Ihrem Job? Wenn Sie sich im Schneideraum von Szenen trennen müssen?
Der Schneideraum ist keineswegs schmerzhaft, man ist diszipliniert genug, um sich von Szenen zu trennen, die nicht funktionieren. Die größten Probleme hatte ich bei zwei meiner Filme, deren Titel ich natürlich nicht verraten werde. Ich hatte schon in der ersten Woche gemerkt, dass alles, was ich in diesem Projekt gesehen hatte, nicht mehr vorhanden war. Mir war klar, dass alles nur in meiner Vorstellung existierte und ich nichts davon im Film zeigen können würde. Dennoch hatte ich sieben oder acht Wochen Dreharbeiten vor mir – und niemanden, dem ich von diesen Sorgen erzählen konnte, schließlich war ich ja der Regisseur. Man muss allen etwas vormachen – das sind sehr schwere Zeiten.
Wie kommen Sie zu Ihren Bildern? Entwickeln Sie das mit einem Storyboard oder entstehen die spontan vor Ort?
Das ist verschieden. Vieles entwickelt sich bereits aus den Proben, die wie bei einem Theaterstück stattfinden. Filmstudenten fragen mich häufig nach der besten Position für die Kamera. Die einfache Antwort darauf lautet: „Was möchte ich bei dieser Szene sehen?“ – die Umsetzung ist allerdings nur selten einfach. (lacht)
Haben Sie den ‚final cut’?
Ja. Ich verzichte auch auf Testvorstellungen und vertraue lieber meinen eigenen Instinkten.
Was würden Sie jungen Filmstudenten raten?
Ich finde es sehr wichtig, eine Filmhochschule zu besuchen, egal ob im polnischen Lodz oder in Los Angeles. Entscheidend ist, dass man lernt, durch die Kamera zu sehen – und das lernt man am schnellsten auf einer Hochschule. Und danach sollte man so schnell wie möglich auf einen Film-Set – ganz egal, welchen Job man dabei macht. Dieter Oßwald
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