Der studierte Kunsthistoriker und Filmregisseur Marco Kreuzpaintner (30), Sohn einer Sekretärin und eines Briefträgers aus Rosenheim, hat die Chance, die ihm sein Mentor bzw. Produzent Roland Emmerich gegeben hat, konsequent genutzt.
Denn er hat mit Trade - Willkommen in Amerika nicht nur einen gesellschaftspolitisch besonders engagierten Hollywoodfilm inszeniert, sondern sich eines unbequemen Themas angenommen, das nicht schon hinlänglich durch die Medien gegeistert ist, sondern noch weithin unterschätzt wird: Verschleppung, Menschenhandel und Zwangsprostitution, die bei Kreuzpaintner und Emmerich erstmals als globales Phänomen dargestellt werden, das Wohlstandsgrenzen überschreitet und durch neue Kommunikationstechniken wie Internet eine globale Dimension erhält.
Gezielt haben sich Emmerich und seine deutschen und amerikanischen Koproduzenten daher mit Menschenrechtsorganisationen wie Terre des Hommes kurzgeschlossen, die bei Premieren des Films und in Printerzeugnissen zusätzliche Aufklärungsarbeit leisten. Zu der Spezialpremiere auf dem Filmfest in Münster – deren Spielfilmwettbewerb in diesem Jahr zufälligerweise unter dem Motto „Arbeit“ steht - kam Kreuzpaintner zwar allein, aber einer lebhaften Diskussion über das sich bedrohlich ausbreitende Phänomen der Verschleppung und Unterdrückung von Mädchen und jungen Frauen im Anschluss an die Vorführung tat das keinen Abbruch. Wir sprachen schon vorher mit dem Regisseur über das Thema seines Films und seine weiteren Hollywood-Pläne.
Ist mit dem Angebot von Roland Emmerich, unter seine Ägide einen Film in Hollywood zu drehen, ein Traum wahr geworden?
Ja, schon. Roland ist ein väterlicher Freund geworden, obgleich er selbst ja die Absicht hatte, Trade zu inszenieren, was wegen seiner Vorbereitungen zu einem großen Shakespeare-Projekt nicht klappte (Ironie: das Projekt wurde vorläufig abgeblasen; Anm. d. Autors). Eigentlich macht er ja ganz andere Filme als ich, insofern gibt es da keine große Konkurrenz zwischen uns. Er hat mir auch dann beim Drehen alle Freiheiten gelassen. Ein wichtiger Faktor war auch Kevin Kline, ein sehr kultivierter Mensch, der Regieanweisungen geradezu eingefordert hat und der mir das Gefühl gegeben hat, ein gleichberechtigter Gesprächspartner zu sein. Für mich eine der schönsten Erfahrungen mit Schauspielern, die ich bisher machen durfte. Ich war ja zuerst unglaublich nervös, zumal mein Englisch alles andere als perfekt war.
Die Reaktionen auf Ihren Film in den USA sind weniger kontrovers wegen der Darstellung sondern wegen des Themas selbst.
Mit der Regierung Bush hat in den letzten Jahren ja auch diese oft scheinheilige Religiosität in den USA zugenommen – da ist erst einmal alles heikel, was mit Sex zu tun hat. Und dann wollen viele Amerikaner gar nicht wahrhaben, dass Sex-Handel vor ihrer Haustür passiert. Das ist ein Problem, das man nur in Übersee, Südamerika oder Südostasien vermutet. In den meisten US-Bundesstaaten gibt es noch keine Gesetze gegen das Sex- oder Human-Traffic, also die Verschleppung von Menschen zu Prostitutionszwecken. Erst der Artikel von Journalist Peter Landesmann, der Grundlage für unseren Film war, hat eine Gesetzesinitiative der Regierung Bush ausgelöst. Das war eines der wenigen Dinge, die positiv auf den Weg gebracht wurden: dass Menschen, die zwangsverschleppt wurden, nicht einfach verhaftet und wieder abgeschoben werden, um sich des Problems bequem zu entledigen.
Wie sahen ihre Recherchen aus?
Da gab es wie gesagt diesen Landesman-Artikel aus der Zeitschrift „New Yorker“ vom April 2004. Und bei den Recherchen habe ich diese Versteigerungswebsites, bei denen Menschen für tausende Dollar im Internet als Sexobjekte angeboten werden, gesehen. Es sind ganz klar männliche Netzwerke von Tätern und Kunden, und die Kunden sind ja nicht die Armen am Stadtrand, sondern wohlhabende Bürger in den wohlhabenden Vierteln der Städte der USA und Westeuropas. Ich hatte bei der Recherche auch mit einem Mädchen gesprochen, die aus der Gewalt von Menschenhändlern entkommen war, und das war zusätzlich ernüchternd. Diese Banden entführen nämlich vornehmlich Mädchen aus katholischen Ländern, die besondere Schuldgefühle entwickeln, sich sehr beschmutzt fühlen, denken, ihre Ehre verloren zu haben und sich nicht zurück zu ihren Familien trauen – und manchmal auch tatsächlich ausgestoßen werden, was sie zusätzlich an ihre Entführer bindet. Ein Teufelskreis!
Im Film wirkt das FBI geradezu passiv.
Die Aufklärung dieser Verbrechen ist schwierig, weil es keine großen Mafiazirkel, sondern kleine, lokale Gruppierungen in lateinamerikanischen Ländern sind, die diesen Menschenhandel betreiben - fast wie Familienunternehmen. Daran sind FBI und CIA nicht besonders interessiert, im Gegensatz zu der Drogenbekämpfung, weil das mehr Anerkennung bringt, weil man sich damit „credits“ erwirbt. Und wenn der Etat dafür verbraucht ist, bleibt nichts für Anderes übrig. Pervers, aber durch die fixen Etats wird jeder Polizeieinsatz einer Kosten-Nutzenrechnung unterworfen.
Eine besonders harte Szene ist die, in der das mexikanische Mädchen Pädophilen zugeführt wird.
Das junge Mädchen war sehr smart. Sie hat auch ohne genaue Anweisungen begriffen, worum es geht und das sehr überzeugend gespielt. Das Schilffeld, das wir im Film zeigen, gibt es tatsächlich außerhalb von San Diego, wo die Verbrecher schon mal ein paar schnelle Dollars mit den Mädchen machen. Das ist im Grunde die perverseste Form des Kapitalismus, das sich reichere leisten können, andere Menschen zu kaufen oder sich mit Geld zu halten. Die Hilfsorganisationen sagen, dass es heute mindestens 12,3 Millionen Arbeits- oder Sexsklaven weltweit gibt, also die höchste Zahl an Versklavten, die es in der Menschheitsgeschichte jemals gegeben hat.
Sie ziehen im nächsten Jahr nach Hollywood – getreu dem Titel ihres ersten Films, Ganz oder gar nicht?
Das hat schlicht mit den größeren Möglichkeiten in den USA zu tun. In den letzten acht Jahren als Regisseur in Deutschland habe ich ganze vier Drehbücher bekommen, von denen drei schlecht waren. Von meiner Agentur in Amerika habe ich allein letzte Woche acht Manuskripte bekommen, von denen sieben sehr gut waren. Außerdem drehe ich gerne emotionale Filme für ein Publikum, das den großen Gestus möchte. Ich weiß nicht genau, woran das liegt, aber in Deutschland haben viele mit Emotionalität im Film Schwierigkeiten. Zum Beispiel die so genannte „Berliner Schule“, so interessant ich die Filme teilweise finde, aber so wie sie aussehen, finden sie zuwenig Publikum. Da finde ich es interessanter, auch Menschen politisch anzusprechen, die sich mit einer bestimmten Thematik zunächst gar nicht beschäftigen wollen, als immer nur ein künstlerisch selbstbezogenes Publikum, das das Thema sowieso kennt. So merkwürdig sich das im Zusammenhang mit dem Thema Menschenhandel anhören mag, will ich doch auch mit Trade gut unterhalten und eine spannende Geschichte erzählen, bei der man mitfiebert. Politische Aussage und Unterhaltung ist kein Widerspruch, diese Unterscheidung nervt. MPH
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