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Weinen auf Knopfdruck
'Om Shanti Om' lief im Februar auf der Berlinale als Special Screening und sorgte nicht zuletzt aufgrund der Anwesenheit seines Stars Shah Rukh Khan für gewaltigen Trubel


Mittlerweile wurde der Film auch regulär auf deutschen Kinoleinwänden ausgewertet, allerdings mit weit weniger Medienecho als während des größten deutschen Filmfestivals. Rechtzeitig zum DVD-Start des selbstironischen Bollywood-Knüllers möchten wir an dieser Stelle mit dem einzigen Mega-Star des aktuellen indischen Kinos deswegen ein wenig hinter die Kulissen von Om Shanti Om blicken.

Das Regiedebüt der bekannten Choreografin Farah Khan beleuchtet die Bollywood-Industrie der letzten 30 Jahre. Shah Rukh Khan, der immerhin 17 Jahre davon selbst im Filmbusiness zugebracht hat, ist mit Bollywood groß geworden und hat bei seinen Reisen in den Westen festgestellt, dass die vielen Farben und die übermäßige Lautstärke die Charakteristika sind, die den Zuschauern am nachhaltigsten im Gedächtnis haften bleiben.

„Alles ist kunterbunt und etwas lauter als gewohnt, na ja, wohl eher deutlich lauter (lacht), aber das spiegelt eigentlich auch ganz gut die tatsächliche Mentalität von Indern wider. Wir drücken uns gern etwas lauter aus, werden lauter wütend, heulen lauter und lachen lauter als andere Menschen.“

Genau wie Farah ist Shah Rukh in den 70er Jahren mit jenen Filmen groß geworden, über die sich Om Shanti Om in seiner ersten Hälfte lustig macht. „Ich glaube nicht, dass sich an der Art des Filmemachens in all den Jahren viel geändert hat. Wir wollen doch alle nur nette Geschichten erzählen, die ein Teil unseres Lebens sind. Mit diesem Film wollten wir der Welt zeigen, wie bei uns in Indien Filme gedreht werden. Der einzige Unterschied zu früher liegt darin, dass die Helden heute besser aussehen als in den 70er Jahren“, setzt King Khan mit einem süffisanten Augenaufschlag hinzu. An Selbstbewusstsein hat es dem Mimen nie gemangelt, dem es abseits des Familienklüngels in Bollywood nahezu spielerisch gelang, in wenigen Jahren vom Nobody zum wichtigsten Mann der indischen Traumindustrie aufzusteigen. Da liegt die Frage nahe, ob er sich nicht auch eine Karriere in europäischen Filmen oder gar dem amerikanischen Pendant, Hollywood, vorstellen kann.

„Mein Englisch ist nicht gut genug. Das könnte höchstens dann klappen, wenn sie mir die Rolle eines stummen Jungen anvertrauen würden. Aber seien wir realistisch: Ich bin 42 Jahre alt, habe braune Haut und keine Besonderheiten als Schauspieler. Ich kann weder Kung Fu noch Salsa, noch bin ich groß genug. In Hollywood wäre kein Platz für mich. Deswegen mache ich mit meiner Arbeit lieber weiter wie bisher und versuche dadurch, das indische Kino in die Welt hinauszutragen und es bekannter zu machen.“

Zumindest in Deutschland ist das dem Herzensbrecher schon lange gelungen. Ganze Schwärme von Fans und Autogrammjägern bevölkerten während der Berlinale das Sonderscreening von 'Om Shanti Om'. Ob Shah Rukh denn weiß, was ihn als Gegenentwurf zum typischen US-Helden im westlichen Kino so populär macht? „Das habe ich mich auch immer gefragt. Bis mir einmal ein paar Ladies gesagt haben, dass unsere heutige Welt immer mehr mechanisiert wird. Auf Knopfdruck fährt die Rolltreppe an, per Knopfdruck lässt man seinen Wagen an oder mixt sich einen Saft. Aber es gibt noch keinen Knopf, um uns zum Weinen zu bringen. Wenn sie meine Filme anschauen, ist das wie Weinen auf Knopfdruck für sie. Ich glaube, der emotionale Gehalt meiner Filme ist das Besondere an ihnen. Die Herzen und Köpfe der Menschen kann man mit jeder Sprache erreichen, das ist universell. Ich würde ja gerne behaupten, dass die ganze Welt verrückt nach meinen Filmen nur wegen mir ist, aber ich denke eher, dass dies aus einem allgemeinen Interesse der neuen Generation nach den Geschichten anderer Länder heraus entspringt.“

Trotz dieser immer wieder betonten Bescheidenheit dürfte Shah Rukh Khan auch bei 'Om Shanti Om' einer der Gründe sein, warum sich Menschen den Film auf DVD ausleihen oder kaufen werden – zumal er sich für seine Doppelrolle einen spektakulären Waschbrettbauch antrainiert hat. Wie konnte es dazu kommen, wo er doch in den vergangenen Jahren dem Muskelfetischismus des Bollywoodkinos so vehement widerstanden hatte? „Alle Leute rieben mir immer wieder mein Alter unter die Nase. Und dann meinte mein Sohn eines Tages zu mir: ‚Papa, du siehst ganz schön schwach und schwabbelig aus.’ Das hat mich dann doch ganz schön getroffen, weil ich eigentlich ziemlich sportlich bin, Fußball spiele und mich eigentlich für fit gehalten hatte. Obwohl ich selten Rollen bekomme, in denen ich einen Cop oder einen Superhelden in Unterhosen spiele und deswegen keinen muskelbepackten Körper brauche, habe ich drei, vier Monate trainiert und auf jede Menge schöner Dinge im Leben verzichtet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, und ich habe mich schon so dran gewöhnt, dass ich die Absicht habe, einen besseren Körper zu bekommen als mein Sohn.“

Wo sieht Shah Rukh nach zwei Jahrzehnten im Business die Zukunft des indischen Starkinos? „Bollywood-Filme sollten kürzer werden. Eine Länge, bei der eine Pause notwendig wird, empfinde ich persönlich doch als sehr störend. Das ist eigentlich nur bei einem großen Film wie Titanic gerechtfertigt. Die Musikeinlagen werden allerdings nicht so schnell verschwinden, da sie einen zentralen Bestandteil unseres Lebens und unserer Kultur ausmachen. Und moderne Technologien werden verstärkt Einzug in unsere Filme halten.“ Shah Rukh Khan wird sicherlich auch diese Veränderungen ohne Imageverluste zu meistern lernen. So schnell sollte den König von Bollywood niemand von seinem Thron stoßen können. Frank Brenner

 

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