Home

 

„Wir müssen die weibliche Energie in uns finden„
Shekhar Kapur im Interview


Beim Filmfestival in Antalya wurde Elizabeth: Das goldene Königreich in einer Galavorstellung dem Publikum präsentiert. Dabei hatten wir Gelegenheit, mit Shekhar Kapur zu sprechen. Der indisch stämmige Regisseur (Die vier Federn) lebt und arbeitet in England und setzte nun die Geschichte der „Virgin Queen„, die er 1998 begonnen hatte, eindrucksvoll fort.

Wie würden Sie ihre Arbeitsweise beschreiben?

Ich drehe mit meinem Instinkt. Ich plane viel und filme dann sehr instinktiv. Den Kopf schalte ich aus. Das ist eine sehr viel emotionalere Art zu drehen.

Was ist für Sie das Grundthema des zweiten Teils?

Der Film handelt von einer Frau, die behauptet göttlich und unerreichbar zu sein. Doch das ist sie nicht. Sie ist zuallererst eine Frau. Sie verliebt sich, hat Angst, ist eifersüchtig und verwirrt. Aber ich denke auch, dass mein Film auf seine Art widerspiegelt, was im Moment in unserer Welt passiert.

Wir alle haben die männliche und die weibliche Energie in uns. Die Chinesen nennen das „Yin und Yang„. Manchmal wird unsere Gesellschaft zu männlich. Wenn unsere Welt zunehmend ängstlicher und ignoranter wird, wendet sie sich der männlichen Seite zu. Wenn sie ruhig und sicher ist, wird die weibliche Seite dominanter. Ich denke, derzeit sind wir zu männlich und bewegen uns in Richtung Krieg. Wir müssen die weibliche Energie in uns finden – als Gesellschaft im Ganzen und als einzelne Individuen. Wir müssen ruhiger und toleranter werden.

Erneut spielt Cate Blanchett die Hauptrolle. Wie war ihre Herangehensweise an die Figur?

Cate Blanchett ist eine großartige Künstlerin. Das äußert sich nicht nur darin, dass sie ihre Kunst perfektioniert hat. Vielmehr vermag sie es, ihrer Kunst Leben einzuhauchen, mittels ihres Geistes, ihres Unterbewusstseins und ihres Instinkts. Nur so kann man große Schauspielkunst erschaffen. Wenn man sich selbst erforscht. Dann hat man die Kraft, es nach außen zu kehren. Alle Figuren werden durch den Geist des Akteurs interpretiert. Ohne den Künstler, ohne den Maler existiert die Kunst nicht.

Was war ihre Motivation, nach neun Jahren wieder zur Geschichte Elizabeths zurück zu kehren?

Der Wunsch war immer präsent. Der erste Teil endet sehr seltsam: eine junge Frau sagt, sie ist fortan die jungfräuliche Königin. Der nächste Schritt ist das zu widerlegen, zu zeigen, dass sie keine Ikone, keine Gottheit ist. Sie ist eine Frau mit Wünschen, Verlangen, Liebe in sich. So war auch die Fortführung der Geschichte eine logische Konsequenz.

Der erste Film behandelte das Überleben im Kontext der Macht. Über Liebe und Verrat im Angesicht der Macht. Dieser nun zeigt, wie jemand zu Lebzeiten eine Gottheit werden kann. Das ist beispielsweise vergleichbar mit Atatürk, der angebetet wird, wie ein Gott, oder zuletzt Diana, die etwas Göttliches an sich hatte. Der Konflikt zwischen einem Menschen und einem Gott fasziniert mich. Wie jemand göttlich sein will, aber trotzdem den menschlichen Bedürfnissen, wie Liebe und Sex unterliegt. Die Verletzlichkeit einer Göttin.

Im Film gibt es diesen Kampf zwischen der Dunkelheit und dem Licht. Ich finde Teil eins deutlich heller und glänzenden. Hier ziehen recht schnell dunkle Wolken auf. War das Ihre Intention?

Ja, durchaus. Elizabeths Hof ist golden und Philipps düster. Mit dem Vorrücken der spanischen Truppen zieht die Dunkelheit über England hinweg. Am Ende strahlt Elizabeth wieder.

Wie ist es mit der historischen Genauigkeit? Inwiefern basiert ihr Film auf Fakten und wie füllten sie die Lücken, besonders in der Beziehung zwischen Elizabeth und Sir Walter Raleigh?

Der Film hält sich sehr eng an die historischen Gegebenheiten. Die meisten der gezeigten Ereignisse passierten wirklich. Es sind jedoch Interpretationen. Die meisten Historiker würden vielleicht sagen, dass es keine Affäre gegeben hat. Das behaupte ich auch nicht, aber es war eine Zuneigung da, das ist historisch belegt. Wir wissen, dass, als Raleigh Beth heiratet, sie ihn in den Turm warf. Davon ausgehend interpretiert man. Besonders wenn man eine Figur nimmt, die vor 500 Jahren gelebt hat. Es gibt keine wirkliche Geschichtsschreibung mehr, nur Mythologie. Die Geschichte wird fortwährend von der Geschichte interpretiert. Wenn man morgen von einem Ereignis liest, ist es schon die Interpretation des Geschehenen. Der Zeitrahmen ist komprimiert worden, weil wir nur knapp zwei Stunden Film zur Verfügung haben, aber die grundlegenden Fakten sind alle vorhanden. Die einen sagen, Drake hätte die spanische Armada zum Kentern gebracht. Andere wieder meinen, der Sturm hätte den Job erledigt. Der Fakt ist, die Spanier wurden besiegt, sonst würden wir heute alle spanisch sprechen. Wenn Kunst nur die Fakten präsentieren würde, wäre sie nicht interessant. Man schenkt dem Poeten nur Aufmerksamkeit, wenn er auf poetische Art und Weise von den Ereignissen erzählt.

Es gibt da diese wundervolle Szene, in der Sir Walter Raleigh beschreibt, wie es ist nach Wochen auf See zum ersten Mal Land zu sehen. Glauben Sie, wir haben diesen Sinn für Abenteuer verloren? Sehnen Sie sich nach den Zeiten, als man noch neue Welten erkunden konnte?

Ich denke schon, dass es ständig neue Welten zu erkunden gilt. Die neue Welt, die ich zu entdecken habe, ist mein Ich. Zuerst haben wir den Weltraum erobert, nun müssen wir die Probleme unseres Ökosystems meistern. Jede Eroberung ist eine neue Herausforderung. Ich für meinen Teil lebe ein schon recht abenteuerliches Leben, wie ich finde. Wenn ich zu lange an einem Ort bleibe, werde ich rastlos.

Wie sieht es mit der Technik aus. Fiel es Ihnen im Vergleich zu damals einfacher, ihre Vision zu vollenden?

Sicher. Diese Seeschlacht hätte ich nicht ohne CGI umsetzen können. Meine Absicht war, die Technik einen Schritt weiter zu führen. Es sollte nicht realistisch aussehen, sondern bildhaft wirken. Alle Bilder, die mir zur Verfügung standen, waren gemalt, irreal, expressionistisch. Das Pferd im Wasser, Elizabeth mit der brennenden Armada zu Füßen, das ist nicht real, sondern Expressionismus. Die CGI sollte Teil dessen werden. Deshalb wollte ich keinen Photorealismus, dieser Teil des Films sollte vielmehr aussehen, wie ein Gemälde.

Elizabeth: Das Goldene Königreich eine sehr große internationale Produktion. Mussten Sie da Einschränkungen machen, vor allem was ihre kreative Freiheit anbetraf?

Nein, ich fand das sehr angenehm, verschiedene Ansichten aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu haben. Zum Beispiel, als es um den Akzent von Mary Queen of Scots ging. Wir wissen nicht, mit welchem Akzent sie damals gesprochen hat. Samantha Morton hat mir ihren Standpunkt schließlich plausibel vermittelt. LT

 

> FILMSTART-Thema: Cate Blanchett im Interview

> FILMSTART-Kritik: Elizabeth: Das goldene Königreich

> FILMSTART-Forum: Regisseure, Schauspieler; Filmemacher