
Arbeitet vielleicht schon bald für Brad Pitt: Regisseur Dennis Gansel mit 'Welle'-Hauptdarstellern Jennifer Ulrich und Max Riemelt
Morton Rhues Roman „Die Welle“ gehört mittlerweile zur Pflichtlektüre an unseren Schulen. Das auf einem 1967 durchgeführten Experiment zu „extremem Autoritätsgehorsam“ des amerikanischen Geschichtslehrers Ron Jones beruhende Buch wurde Anfang der 70er Jahre schon einmal vom amerikanischen Fernsehen verfilmt und ist bis heute weltweit auch als Bühnenstück erfolgreich. Jetzt hat sich Grimme-Preisträger Dennis Gansel ('Das Phantom von Bonn') des brisanten Stoffes angenommen, um die Verführbarkeit der heutigen Jugend zu faschistoiden Verhaltensweisen aufzuzeigen. Unser Mitarbeiter Rolf-Rüdiger Hamacher sprach mit dem Regisseur über 'Die Welle'.
Viele hatten Ihren Film als deutschen Beitrag auf der Berlinale erwartet. Wird 'Die Welle' ein zweiter Fall 'Das Leben der Anderen', der ja dann nach seiner Ablehnung den Oscar gewann?
(lacht) Schön wär’s. Aber zu einer Ablehnung ist es nicht gekommen. Es stimmt, die Berlinale hat sich sehr viel Zeit genommen mit ihrer Entscheidung. Und so haben wir uns entschieden, das Angebot von Robert Redfords Sundance Filmfestival anzunehmen.
Wie wurde Ihr Film dort aufgenommen?
Wir hatten nach der Premiere dort eine zweistündige Diskussion im Kino. Interessant war, dass das Experiment, auf dem der Film beruht, den wenigsten bekannt war. Wir sind dann noch nach Salt Lake City gefahren und hatten eine Vorführung vor lauter Bauarbeitern. Auch hier Betroffenheit, und man merkte, dass sich das politische Klima in den USA wandelt. So langsam realisieren die Menschen, dass dieses Jahrhundert nicht mehr eins sein wird, in dem die USA im Mittelpunkt stehen.
Sundance ist ja auch ein Festival, auf dem Talente für Hollywood entdeckt werden...
Ja, Brad Pitts Produktionsfirma ist auf uns zugekommen. Es besteht auch Interesse an einem US-Remake...
...und werden Sie selbst die Regie übernehmen?
Das ist geplant.

Der Nachfolger von Erfolgs-Jungregisseur Florian Henckel von Donnersmarck? Dennis Gansel bei der Arbeit - mit Kameramann Torsten Breuer
Kommen wir zurück zum Film. Haben Sie sich mehr von der amerikanischen TV-Erstverfilmung des Stoffes aus den 60er Jahren oder der viel gespielten Bühnenversion inspirieren lassen? Den Film habe ich leider nie gesehen, habe aber gehört, dass Ron Jones sehr unglücklich über das Ergebnis war. Den Schluss haben wir gegenüber dem Original-Drehbuch aber verändert, um eine größere Radikalität zu erreichen. Wir wollten den Leuten, die meinen, man könnte mit dem Faschismus spielen, einen Schock versetzen. Gegenüber der Theaterversion, die ja sehr verdichtet und auf wenige Protagonisten beschränkt ist, haben wir die Charaktere der Figuren erweitert, sodass der Zuschauer mehr aus ihrem Privatleben erfährt und sich besser mit ihnen identifizieren kann.
Zum Beispiel...?
Die Sprachlosigkeit oder auch die Über-Liberalität in den Familien, den Ausschluss von so genannten Peer-Groups. Das alles kann Jugendliche in die Arme radikaler Organisationen treiben. Sie haben sich ja in 'Napola', der an einer NS-Elite-Schule spielt, schon einmal mit der Verführbarkeit der Jugend auseinandergesetzt...
Das ist ein Thema, das tief in mir verwurzelt ist. Mein Großvater, dem ich ja 'Napola' gewidmet hatte, war selbst Ausbilder an solch einer Kader-Schmiede. Und es gab ständig Auseinandersetzungen in der Familie, weil seine Söhne später nicht zur Bundeswehr gingen. Er stöhnte immer auf, wenn von Gewerkschaften die Rede war. Die Familientreffen waren immer das reinste Chaos. Aber all die Diskussionen und Erlebnisse sind auch in meine Filme eingeflossen.
Glauben Sie, die heutige, aufgeklärte Medien-Generation ist noch genauso verführbar wie die Großeltern?
Unser Demokratie-Verständnis ist brüchiger als man denkt. 'Die Welle' ist ein gutes Beispiel, wie man mit einer perfiden Psychologie und Gruppendynamik auch heute noch Faschismus möglich machen kann.
Ist 'Die Welle' deswegen im gut situierten Mittelstand angesiedelt, und nicht im scheinbar anfälligeren Milieu arbeitsloser und von der Gesellschaft enttäuschter Jugendlicher?
Genau diesem Vorurteil wollte ich entgegentreten. Vom Faschismus kann jeder infiziert werden. Im Dritten Reich war ja auch die so genannte Oberschicht vom Nationalsozialismus fasziniert, folgten willenlos dem Führer.
Und deshalb haben Sie die Rolle des Lehrers mit dem charismatischen Jürgen Vogel besetzt, der ja eine breite Fan-Gemeinde hat?
Genau, ich wollte, dass man der Figur sowohl den kumpelhaften Sportlehrer wie auch den intellektuellen Geschichtslehrer abnimmt. Außerdem konnte Vogel, der ja über den 2. Bildungsweg zum Abitur gekommen ist, eigene Erlebnisse aus seiner Schulzeit mit einbringen.
Am Ende stehen ein im Roman nicht vorkommendes Wasserballspiel und ein sich daran anschließender Amoklauf. Warum diese Änderungen?
Wasser kommt im Film immer wieder als Symbolträger vor, für Ruhe, für Reinwaschen und im Falle des Spiels als Ausdruck des Aggressiven, das allerdings meist unter Wasser geschieht, sozusagen unter der Oberfläche. Und der Amoklauf scheint mir in die heutige Zeit zu passen, gibt gesellschaftspolitische Orientierungspunkte. Schließlich habe ich ja kein 1:1-Remake des Originals drehen wollen, sondern eine 40 Jahre später spielende Version mit zeitgemäßen Umständen und Dialogen. Rolf-Rüdiger Hamacher
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