Sein Name klingt auch heute noch nach ganz großem Kino – nach stoischem Machismo, hochgeschlagenen Trenchcoat-Kragen, Zigarettenrauch und schäbig-schummrigen Hinterzimmern. Alain Delon, eine der letzten Ikonen des europäischen Kinofilms, lebt heute zurückgezogen in seinem Chalet unweit von Paris. In den Medien produziert er seit seinem „Rückzug“ aus Film und Fernsehen mit Vorliebe negative Schlagzeilen. Mit einer Rolle als Caesar in der 2008 startenden Realverfilmung Asterix bei den Olympischen Spielen und dem geplanten Staatsfeind No. 1, an der Seite von Vincent Cassel, könnte dem lakonischen Einzelgänger der Weg zurück auf die große Leinwand gelingen.
Für den Mimen mit dem traurig-entrückten Blick wäre das eine Rückkehr in eine endgültig veränderte Kinolandschaft: eine Welt, aus der sich die meisten seiner Kollegen, die für die Blütezeit des europäischen Kinos stehen und deren Namen jedem Cineasten auf der Zunge zergehen, bereits unwiderruflich verabschiedet haben. Romy Schneider, Burt Lancaster, Lino Ventura, Jean Gabin, Michel Piccoli oder Yves Montand sind nur einige der Topstars, an deren Seite Delon seine größten Triumphe feierte.
Delons Image wird in der Regel mit seiner Rolle als Der eiskalte Engel im gleichnamigen Film-Noir-Klassiker von Jean-Pierre Melville aus dem Jahr 1967 gleichgesetzt. Nur minimal variierte Delon diese Figur in zahlreichen folgenden Produktionen wie Der Clan der Sizilianer (1969), Scorpio, der Killer (1972), Killer stellen sich nicht vor (1980) und Der Panther (1985). Mit seinen stahlblauen Augen und den ebenmäßigen Gesichtszügen stand Delon dabei immer für den Typus des schönen, aber gefühllosen Außenseiters. Auf der Seite der „Guten“ war Delon nie so erfolgreich wie als effiziente Tötungsmaschine im Dschungel der Großstadt. Als Sympathieträger versagte Delon – zumal das französiche Kommerzkino für diesen Part bereits einen anderen Helden gefunden hatte: Delons großer Konkurrent und stetiger Herausforderer an der Kinokasse, Jean-Paul Belmondo.
Belmondo entwickelte sein Image in Filmen wie Das Rauhbein (1965), Der Teufelskerl (1973), Der Profi (1981) oder Der Boß (1985) und avancierte trotz seines zerknautschten Verbrechergesichts und dem Körper einer Kampfmaschine schnell zum Publikums- und Frauenliebling. In Belmondo fand Delon zeitlebens seinen filmischen Gegenentwurf. Sein attraktives Erscheinungsbild und seine Zerbrechlichkeit ließen sich zunehmend nur noch in Verbindung mit „dem eiskalten Herzen“ vermarkten. Erstaunlich ist, dass beide ihren Durchbruch zu internationalen Topstars in Rollen vollzogen, die mit ihrem Äußeren sehr viel besser harmonierten: Jean-Luc Godards Außer Atem – der Film, der den Höhepunkt der Nouvelle Vague markierte – setzte Belmondo 1960 als Kleinkriminellem, der schließlich zum Mörder wird, ein filmisches Denkmal.
Delons Durchbruch hingegen gelang ihm mit einer Rolle als in sich gekehrter, innerlich zerrissener Außenseiter. Luchino Visconti machte den bis dahin weitgehend unbekannten, 25jährigen Delon mit Rocco und seine Brüder (ebenfalls 1960) weltberühmt. Aufgrund seiner moralischen Integrität den Eskapaden des ruppigen Bruders hilflos ausgesetzt, schafft Delons Rocco die Emanzipation nur mit der Hilfe von außen. Was Außer Atem für Jean-Paul Belmondo, wurde Rocco und seine Brüder für Alain Delon: Der Auftakt einer phänomenalen Kino-Karriere, die sich in eine höchst unerwartete Richtung entwickeln sollte. AW
|
|