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Bei Brian De Palma in Venedig


Ein neuer Film des Regisseurs Brian De Palma eröffnete das 63. Filmfestival in Venedig. Black Dahlia, ein Meisterwerk im Stil des ein wenig in Vergessenheit geratenen „Film noir“, erzählt die reale Geschichte eines Starlets, dessen brutaler Mord in den 40er Jahren die amerikanische Gesellschaft erschütterte. 1958 erlebte ein 11jähriger Junge namens James Ellroy eine ähnliche Tragödie, als seine Mutter unter ungeklärten Umständen erwürgt wurde. Jahre später verfasste er einen Roman und befreite sich damit von der langjährigen Last dieser Ereignisse. De Palma wusste vom familiären Hintergrund des Romans „Die Schwarze Dahlie“, und umso mehr war er von Ellroys Buch beeindruckt. Über zwanzig Jahre trug sich De Palma mit dem Gedanken einer Verfilmung. Im Anschluss an die Filmpremiere in Venedig stellte sich der Regisseur den Fragen unserer FILMSTART-Korrespondentin.

Herr De Palma, würden Sie mir zustimmen, wenn ich sage, dass Ihr Film kein Krimi im klassischen Sinne ist, weil der Prozess der Investigation dabei nicht im Mittelpunkt steht?

Der Mord war nur der Anlass, eine wahre Geschichte über Hollywood zu erzählen. In einem klassischen Krimi tragen alle Charaktere festgelegte Rollen: Es gibt einen Mörder und einen Detektiv. Ersterer lügt und tötet, der andere versucht, auf dessen Spur zu kommen. Meine Charaktere, sogar die „good guys“ Bucky und Lee, lügen und töten. Vielleicht ist meine Geschichte kein Krimi, sondern ein Drama über die Illusion unseres Lebens.

Warum haben Sie zwanzig Jahre gebraucht, um die Story zu verfilmen?

Was glauben Sie? Die Leute aus Hollywood brauchen keine bösartigen und komplexen Geschichten über sich selbst. Für sie muss alles einfach strukturiert sein: ein „good guy“ auf der einen Seite, ein Mörder auf der anderen. Mit meiner Geschichte, am Rande des Wahnsinns, können Hollywoodbosse nichts anfangen.

Sie erzählen über die 40er Jahre, der wichtigste Zeit in der Geschichte Hollywoods…

Das Hollywood der 40er gewann durch zweierlei Faktoren an Bedeutung: Der Krieg und europäische Regisseure, Produzenten und Schauspieler, die nach Amerika kamen und Hollywood gründeten. Sie haben unsere etablierten kulturellen Strukturen aufgemischt, uns vor Durchschnittlichkeit gerettet. Ich versuche das Gleiche zu machen, indem ich mit meinen bizarren Filmen den verpesteten Hollywood-Sumpf aufwirble. Alle meine Protagonisten – gute wie schlechte – enden in der Hölle, und diese Idee passt Hollywood nicht.

Einen „Film noir“ möchte man in Schwarz-Weiß sehen. Warum haben Sie einen Farbfilm gedreht?

Nach dem Genre-Meisterwerk Chinatown von Roman Polanski, in dem Los Angeles in Farbe gezeigt wurde, will keiner mehr die Stadt in einer Schwarz-Weiß-Version sehen. Ich frage mich allerdings, ob junge Regisseure die Filme von Kubrick, Leone oder Polanski überhaupt noch kennen, ganz zu schweigen vom jungen Publikum. Ich will es hoffen…

Sie haben viele Superstars für Ihren Film gewonnen: Scarlett Johansson, Josh Hartnett, Aaron Eckhart und die zweifache Oscarpreisträgerin Hilary Swank.

Scarlett stand für mich von Anfang an für die Rolle von Kay fest. Sie ist mysteriös. Sie hat etwas vom alten Stil des amerikanischen Films der 40er und 50er Jahre, etwas von Rita Hayworth. Eckhart und Hartnett haben perfekt für die Hauptrollen gepasst: Sie sind noch zu jung, um die Last des klassischen Hollywoods zu tragen. Der dreißigjährige Josh hat zwar Filme mit Humphrey Bogart gesehen, aber Bogart ist kein Held mehr für ihn. Im Film musste er einen ähnlichen Charakter spielen, ohne parodistisch zu werden, den modernen Bogart mit seiner noblen Selbstsicherheit und kluger Zurückhaltung. Eckhart sollte einen stilisierten Kirk Douglas darstellen. Die talentierte Swank kann sowohl einen „Mann im Rock“ als auch einen Vamp wie in meinem Film brillant darstellen.

Hat sie sich auch nicht vor den Porno­szenen gescheut?

Sie ist ein „Mann im Rock“. Aber damalige pornografische Darstellungen hatten auch eine andere Ästhetik. Nicht wie heutzutage! Sie waren damals noch wesentlich kultivierter.

Josh und Scarlett wirkten als Liebespaar sehr überzeugend und authentisch auf mich...

Ich freue mich, dass beide gut spielen können! Sie haben aber keine Affäre, falls Sie darauf anspielen möchten, sie sind nur gute Schauspieler!

Sie drehen auch viel fürs Fernsehen. Wie arbeitet man mit so hohen Kriterien wie den Ihren für dieses Medium?

Ich habe immer noch Schwierigkeiten, die Ästhetik einer Fernsehsendung zu verstehen. Man sieht den Film mit Werbeunterbrechungen und denkt in kurzen Abschnitten. Die TV-Kamera bewegt sich nicht und kreiert eine statische Welt. Allerdings nähern sich Kinofilme vieler meiner Kollegen den TV-Produktionen immer mehr an. Tja, die Durchschnittlichkeit lässt grüßen! TR