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In den Suburbs von Boston
Ben Affleck im Interview


Ben Afflecks Filmkarriere war von einigen Flops überschattet, als ihm mit Die Hollywood-Verschwörung ein beachtliches Comeback gelang. Für sein aktuelles Projekt hat sich der Oscar-Preisträger zum ersten Mal für einen Spielfilm auf den Regiestuhl gesetzt und mit seinem jüngeren Bruder Casey und einer Starriege um Morgan Freeman, Ed Harris und Michelle Monaghan ein Psychodrama um die Folgen einer Kindesentführung gedreht. Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel läuft ab dem 29. November 2007 in unseren Kinos an. Wir trafen Ben Affleck in München zum Gespräch.

Es scheint, als gingst Du mit diesem Film zurück zu den anspruchsvollen Themen à la Good Will Hunting. Dein Glamourboy-Image hast Du mit Deiner letzten Rolle in Die Hollywood-Verschwörung ja auch abgelegt. War das beabsichtigt oder ist das einfach so passiert?

Es war keine bewusste Entscheidung, nach der Hollywood-Verschwörung diesen Film zu machen, damit meine Karriere danach so oder so aussieht. Das hätte auch leicht nach hinten losgehen können, wenn der Film nicht funktioniert hätte. Ich habe mir dabei in Sachen Karriere eigentlich überhaupt keine Gedanken gemacht. Ich wollte einfach nur einen Film inszenieren, der auf meiner Wellenlänge lag, und ich wollte in Die Hollywood-Verschwörung mitspielen, weil mich der Stoff interessierte und mir das Drehbuch gefiel. Ich bin mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem ich mir keine Gedanken mehr darüber mache, wohin mich die Mitwirkung an einem bestimmten Film führen wird. Ich entscheide mich viel eher für Projekte, an die ich glauben kann und mache Filme, die meiner Meinung nach gut werden können.

Was hat Dich an der Story von Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel fasziniert? Das vermisste Kind?

Nein, das vermisste Kind war für mich in mehrfacher Hinsicht sogar der uninteressanteste Aspekt daran. Gewissermaßen geht es im Film darum auch gar nicht. Das Ende des Romans und das Ende des Films, das ich hier natürlich jetzt nicht verraten möchte, faszinierten mich am meisten, aufgrund der Probleme, der Gefühle und dem Dilemma, mit dem es die Zuschauer entlässt. Einige der Haken, die die Story schlägt, aber auch das, was unter der Oberfläche liegt, fand ich interessant. Der Kreis der Armut, die Art, mit der diese Leute einander behandeln und ob wir andere Menschen verurteilen dürfen. Patrick (Casey Afflecks Rolle; Anm. d. Red.) ist der einzige, der vergeben kann, er möchte diese Frau nicht verurteilen. Ich glaube, sein Widerstand hat etwas sehr Schönes, seine Abneigung, über sie ein Urteil zu fällen.

Welche Entscheidung würdest Du am Ende selbst favorisieren – die von Patrick oder die von Angela?

Als ich mich dazu entschloss, diesen Film zu machen, wollte ich für beide Seiten zwei wirklich starke Argumente haben. Ich wollte keine der beiden so konstruieren, dass sie auf jeden Fall von allen Zuschauern als die bessere Alternative hingenommen werden konnte. Es war ein bisschen so, als ob ich gegen mich selbst Schach gespielt hätte. Ich wollte eine bestimmte Figur nicht bewegen, weil ich dadurch auch gleichzeitig eine andere verloren hätte. Für mich mussten beide Seiten wirklich sehr überzeugend gezeichnet sein. Auf diese Weise konnte ich mich ein bisschen davor drücken, mir zu überlegen, wie ich selbst in der Situation handeln würde, weil ich auch befürchtete, dass das meine Neutralität hinsichtlich der beiden Seiten gefährden würde. Deswegen habe ich darüber nicht nachgedacht. Wenn ich diese Entscheidung fällen müsste, hätte ich richtig große Probleme, und genau darum soll es im Film schließlich auch gehen.

War es hilfreich für Dich, an einem Ort zu drehen, den Du so gut kennst – in Boston?

Auf jeden Fall! Das war einer der Gründe, warum ich das Buch verfilmen wollte. Ich hatte das Gefühl, wie wenn ich dadurch eine Art Rückhalt für mein Debüt hätte – indem ich in einer Stadt filmte, die ich seit meiner Geburt kenne. Ich schlich mich in die dreistöckigen Häuser hinein, hinein in die Wohnungen der Menschen, die so wenig Geld haben, genau wie sich Drogen und Gewalt in deren Leben einschleichen. Ich hatte ein Gefühl dafür, wie man das auf eine recht authentische Weise schildern könnte. Das klappte für mich in Boston. Wenn ich das in einer deutschen Stadt wie München gedreht hätte, hätte ich erst einmal hierher kommen und einige Jahre hier leben und Nachforschungen anstellen müssen, würde aber noch immer nicht alle Straßen kennen. Ich hätte einfach keine wirkliche Vorstellung davon.

Bist Du denn in einem ähnlichen White-Trash-Szenario in Boston aufgewachsen?

Nein, wir sind nicht in einer Gegend aufgewachsen, die genauso arm war wie die im Film, aber allzu weit entfernt davon war sie auch nicht. Eigentlich gleich um die Ecke. Es war ein recht gewöhnliches Viertel, in dem viele Lehrer, Feuerwehrmänner und Polizisten lebten. Und Matt Damon hat ja damals gerade zwei Blocks entfernt von uns gewohnt.

Du hast einmal mit Deinem Bruder und Matt Damon ein Apartment geteilt. Kam es zu dieser Zeit zu Streitereien?

Ja, es gab jede Menge Streitereien zwischen uns. Meist ging es dabei ums Saubermachen. Matt hat niemals auch nur irgendetwas saubergemacht – absolut gar nichts! Und Casey war nicht viel besser (lacht). Ab und zu habe ich deswegen was vom Boden aufgelesen und in den Mülleimer geworfen. Wir hatten schon eine ziemlich schmutzige Bude. Aber das war eine schöne Zeit mit Casey und Matty.

Ist denn demnächst wieder ein Projekt mit Matt Damon geplant?

Ja, Matt und ich sind gerade im Moment damit beschäftigt, was Geeignetes auf die Beine zu stellen. Bis das dann fertig ist, werden allerdings ein bis anderthalb Jahre ins Land ziehen. FB

 

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