
Nach erfolgreichen vierzehn Jahren in Berlin und Potsdam soll das Jüdische Filmfest ab 2009 auf bundesweite Tournee gehen. Festivalchefin Nicola Galliner plant rund acht Stationen in west- wie ostdeutschen Großstädten. Die Beiträge müssen nicht notwendigerweise von einem jüdischen Regisseur oder einer jüdischen Regisseurin gedreht sein. Vielmehr ist die Behandlung jüdischer Themen und Schicksale – vor allem die Frage nach der jüdischen Identität – der eigentliche Bezugspunkt für die Filmauswahl der Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme aus aller Welt. In diesem Jahr wurde das Jüdische Filmfest Berlin (25.5.-9.6.) erstmals sogar mit einer Fernsehserie eröffnet, die in Israel ein Quotenhit war: die Comedy-Serie „Avoda Aravit“ („Arab Work“ / “Arabische Arbeit“). Dass die arabischstämmige Minderheit Israels in den dortigen Massenmedien bis vor kurzem deutlich unterrepräsentiert war, hat sich im letzten Jahr mit „Avoda Aravit“ schlagartig geändert, die als erste Fernsehserie die Lebensumstände einer arabisch-israelischen Familie zur Hauptsendezeit im israelischen Fernsehen zeigte. Ein gerüttelt Maß an Neugier bei vielen jüdisch-israelischen Zuschauern wird wohl für den Erfolg mit verantwortlich sein. Die christliche Palästinenserin Khoury, geboren 1976 in Jerusalem, die als Titelfigur der Tragikomödie 'Die syrische Braut' (2004) berühmt wurde, spielt in der Serie die junge Mutter der Fernsehfamilie: „Die palästinensischen Zuschauer fanden die Serie gar nicht komisch“, erläutert Khoury: „Erst ganz am Schluss“ hätten sie begriffen, dass die humorvolle Darstellung ihrer Alltagsnöte „nicht gegen sie gerichtet war“, so Khoury, sondern zur allgemeinen politischen Entspannung beitragen sollte. Ohnehin würde sie keine Drehbücher akzeptieren, in denen „die Reputation meines Volkes beschädigt würde“, betont Khoury.

„Avoda Aravit“, geschrieben von dem arabischstämmigen, in Israel lebenden Romanautor Sayed Kashua, zieht sowohl die jüdischen Vorurteile gegenüber den Palästinensern als auch die arabischen gegenüber den Juden durch den Kakao und entblößt viele Denkschemata der verfeindeten Volksgruppen als überholt und unangemessen. Zugleich bietet die Comedy-Serie eine unterhaltsame Mischung aus realistischen und überspitzten Handlungsmotiven: Der Vater der Fernsehfamilie, Amjad, ist Journalist und will bzw. muss schon von Berufs wegen Teil des israelischen Establishments sein, während seine Eltern und einige Freunde dies als konservative Araber, die sich in Israel allenfalls geduldet fühlen, ablehnen. Amjads bester Freund wiederum ist israelischer Jude, der sich in die beste Freundin von Amjads Frau verliebt, die als Araberin für die Frauenrechte innerhalb ihrer Volksgruppe kämpft. Diesen verwickelten Hintergrund nutzten die Drehbuchautoren, um die Spannungen und Widersprüche innerhalb der israelischen Gesellschaft quasi bis zur Kenntlichkeit zu verzerren.
„Seit ich denken kann, wollte ich Schauspielerin werden“, sagt die charmante Clara Khoury, die schon mit fünf Jahren an der Seite ihres in Israel sehr bekannten Vaters Makram Khoury auf der Bühne stand. Indem Clara Khoury in die Fußstapfen ihres Vaters trat, übernahm sie auch dessen besonderen Status: nämlich Vermittler zu sein zwischen den verfeindeten Volksgruppen im Nahen Osten und mit den Mitteln der Schauspielkunst Brücken zwischen Israelis und Palästinensern zu bauen. Dennoch sind an der griechisch-orthodoxen Familie Khoury die blutigen Konflikte nicht spurlos vorbei gegangen, betont Clara: Während der zweiten Intifada, des Aufstands der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten im Jahre 2000, sei die Familie aus Solidarität schließlich aus dem jüdischen Viertel in Haifa, wo sie bis dahin lebte, ausgezogen, sagt Clara Khoury. Ironie der Geschichte: Gerade in dieser Zeit erhielt ihr Vater die höchste Ehrung, die für Schauspieler in Israel vergeben wird. Ihren Mut, umstrittene Rollen anzunehmen, die dies- und jenseits der israelischen Grenzen Provokationen auslösen, hat Khoury bislang nicht bereut: „Angst vor wütenden Reaktionen hatte ich bisher nicht“, sagt Khoury. Die Konflikte im Nahen Osten sind nach ihrer Meinung „nur durch ein Umdenken bei den jeweiligen politischen Führungen“ zu erreichen – „also eventuell zu Lebzeiten meiner Enkel“, so Khoury, die demnächst auch als Initiatorin eines Theaterprojekts für Jugendliche „ihren Beitrag zur Entspannung“ in ihrer Heimat leisten will.
Dank solcher Gäste wie Khoury und vieler sehenswerter Dokumentationen war das Jüdische Filmfestival Berlin auch in diesem Jahr wieder ein ebenso unterhaltsames wie lehrreiches Filmfest. Eine der vielen Deutschlandpremieren war der ergreifende Rückblick auf die Anfänge der Kibbuz-Bewegung zwischen 1935-70, 'Kinder der Sonne'. Ran Tals Film räumt mit romantischen Vorstellungen gründlich auf und zeigt, wie die ersten Kibbuzim mit militärisch anmutender Strenge zur kämpferische Speerspitze des neu gegründeten Staates Israels erzogen wurden. Die Betroffenen, heute Rentner, kommentieren ihre früheren, privaten Filmaufnahmen und erinnern sich an die denkwürdige Mischung aus überhöhtem Nationalismus und sozialistischer Ideologie, die beides Antriebsfedern der Kibbuz-Bewegung waren. „Da kommt die Rote Armee“, haben Passanten gesagt, als die Kibbuzim in den Fünfziger Jahren mitten in Jerusalem eine ihrer flaggenträchtigen Paraden abhielten, erinnert sich einer der über 70-Jährigen lachend.
Der von den zionistischen Erziehern rigoros durchgesetzte Kollektivismus führte u. a. zu der frühen Trennung von Säuglingen von ihren Eltern und war auch sonst mit vielen frühkindlichen Härteprüfungen durchsetzt, untern denen die Betroffenen noch heute leiden. Aus deutscher Sicht erinnerten viele Bilder der Kibbuz-Gründungszeit fatal an die Propaganda der früheren sozialistischen Jugendorganisationen in Europa, etwa der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in der DDR. Regisseur Ran Tal zeigt auch, dass der pathetische Geist der Kibbuz-Bewegung schon früher als der des mittel- und osteuropäische Sozialismus, nämlich während der sechziger Jahre, mit der Geburt der nächsten Generation in sich zusammen brach.
Ein kluges Symbol für die Tragik des israelischen-palästinensischen Konfliktes und die sich daraus ergebende Sicherheitsparanoia in Israel hat Regisseur Eran Riklis für seinen neuen Spielfilm 'Lemon Tree' ('Der Zitronenbaum') gefunden: Die einzige Einkunftsquelle einer harmlosen Palästinenserin – eine kleine Zitronenbaumplantage – soll aus Sicherheitsgründen gefällt werden, weil der israelische Verteidigungsminister in ihre Nachbarschaft ziehen will. Die gewaltfreien, aber zunehmend verzweifelten Versuche der Betroffenen, sich gegen die willkürliche Entscheidung zu wehren, verdichtet Riklis zu einer eindringlichen Parabel, die beim diesjährigen Panorama-Programm der Berlinale den Publikumspreis gewann. 'Lemon Tree' kommt am 10. Oktober in deutsche Kinos. Auf andere Beiträge müssen Nicht-Berliner bis 2009 warten, wenn die Deutschland-Tour des Jüdischen Filmfestes startet. Max-Peter Heyne
Info unter: www.jffb.de
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