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01.05.2008

Filmen im Kollektiv
Gleich vier Regisseure inszenierten einen gemeinsamen Kinofilm: '1. Mai'


Die Kreuzberger Krawalle zum 1. Mai sind dieses Jahr offensichtlich leider nicht so glimpflich verlaufen wie im Spielfilm '1. Mai', der pünktlich zum Tag der Arbeit in einigen Berliner Kinos angelaufen ist.

Im Film bildet der Tag voller Anspannung und Gewalt den äußeren Rahmen für drei unabhängig voneinander stattfindende Episoden à ca. 30 Minuten, in denen fünf verschiedenen Figuren – ein Polizist, zwei Krawalltouristen, ein Alt-Sponti und ein türkischer Junge – ungeahnte Erfahrungen durchleben. Doch nicht nur der Handlungsaufbau, sondern auch die Produktionsgeschichte des Films ist ungewöhnlich: '1. Mai' ist kein klassischer Episodenfilm mehrerer Autoren und Regisseure, bei dem eine Geschichte nach der anderen erzählt wird. Stattdessen sollten die Beteiligten auf Anregung eines der Produzenten, Jon Handschin von Jetfilm, zunächst in gesonderten Gruppen ihre Ideen und Kurzfilme zum Handlungsgerüst „1. Mai in Kreuzberg“ realisieren, die schließlich im Schnittraum zu einer Gesamthandlung miteinander verwoben wurden.

Anders als sonst ist dieser Film also nicht nur das Ergebnis eines, sondern mehrerer Autoren- und Drehteams. Fast könnte man sagen, die vier Regisseure – Sven Taddicken, Jakob Ziemnicki, Jan-Christoph Glaser und Carsten Ludwig – haben die Forderungen mancher Mai-Demonstranten vorbildlich erfüllt und bildeten eine Art solidarisches Kollektiv. „Jeder musste sich an dem angestrebten Gesamteindruck orientieren“, sagt Sven Taddicken, Regisseur der Episode mit dem Alt-Linken und dem Türkenjungen: „Da wirklich alle Teile gleichberechtigt sein sollten, waren denkbare Egotrips gottlob gar nicht möglich“, so Taddicken, der zugibt, dass nicht alle Szenen des Films direkt an Kreuzberger Originalschauplätzen während einer Mai-Demo gedreht wurden:

„Die Szenen mit der Polizei konnten wir z.B. nicht direkt am Maifeiertag drehen“, erläutert Taddicken, und so ist man zum Teil auf den Karneval der Kulturen ausgewichen. Als Neu-Berliner habe Taddicken einst darüber gestaunt, wie „eine Stadt einmal im Jahr eine Art Bürgerkrieg“ durchlebt. Sein Kollege, der gebürtige Danziger Jakob Ziemnicki, der die Episode mit dem unter Liebeskummer leidenden Polizisten gedreht hat, ergänzt: „Es ging uns um die Rituale von Macht und Stärke“, die bei der Kreuzberger Mai-Demo ausgelebt werden, aber auch, inwieweit sich die einst eindeutig politisch gefärbte Demo seit ihren West-Berliner Anfängen verändert hat, betonen Ziemnicki und Taddicken.

Aus dem hervorragenden Ensemble von Schauspielern ragt Peter Kurth vom Berliner Maxim Gorki Theater heraus, der den in nostalgischer Verklärung (und Isolation) an frühere Spontizeiten lebenden Harry spielt: „Als waschechtes Ostkind, der den 1. Mai ganz anders erlebt hat“, habe er den Filmemachern gleich gesagt: „Das ist eigentlich nicht meine Geschichte“, berichtet Kurth, der seine Karriere während der achtziger Jahre am Magdeburger Theater begann und „auch für den Ost-Punk damals schon zu alt war“.

Um den Westberliner Altleninisten glaubhaft zu verkörpern, konnte Kurth neben seinem schauspielerischen Handwerk auch auf seine Wende-Erfahrungen zurückgreifen: „Im November 1989 war ich in Chemnitz engagiert und habe erlebt, wie die Risse zwischen Politik und Bürgern sich in offenen Diskussionen und spontanen Demonstrationen entluden“, berichtet Kurth: „In Windeseile war der Vorplatz vor dem Theater voller Menschen, die die Stasi noch versucht hat, wegzudrängen“, erinnert sich Kurth, den die Erinnerung an den gesellschaftlichen Umbruch noch heute sichtlich bewegt. Ein wenig von der damaligen Aufbruchstimmung konnte Kurth in seine Rolle des unverbesserlichen, linken Idealisten Harry einfließen lassen, der auf tragische Weise verkennt, dass der türkische Junge Yavuz (Cemal Subasi) Gewaltausübung als Mittel zur Mannwerdung ansieht. Max-Peter Heyne

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