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28.04.2008

Auf der sicheren Seite
Die Verleihung des Deutschen Filmpreis 2008



'Kirschblüten - Hanami' Doris Dörrie, Hannelore Elsner, Elmar Wepper und Frau. Foto: Christine Kisorsy

Es war ein bemerkenswert starker Jahrgang sowohl an Spiel-, Dokumentar- und Jugendfilmen, über den die 1.018 Mitglieder der Deutschen Filmakademie zu urteilen hatten, und entsprechend enttäuscht müssen sich jene fühlen, die zwischen März 2007 und Februar 2008 zwar starke Filme abgeliefert haben, aber sich angesichts einer noch überzeugenderen Konkurrenz geschlagen geben mussten.

Darunter z. B. Pepe Danquart, dessen furiose Extremsport-Doku 'Am Limit' ebenso wie Ralf Westhoffs munter-freche Komödie 'Shoppen' zweimal nominiert war, aber die beide leer ausgingen. Auch niveauvolle Unterhaltungsfilme wie 'Das wilde Leben', 'Ein fliehendes Pferd', 'Du bist nicht allein' und der gesellschaftskritische Thriller 'Trade – Willkommen in Amerika', der immerhin die Lola für die Beste Tongestaltung erhielt, wären bei einem schwächeren Gesamtangebot an deutschen Filmen sicherlich häufiger nominiert und prämiert worden.

So aber konnten die Stimmberechtigten der Akademie nur einigen Wenigen wohl und mussten vielen Anderen wehe tun. Das schmälerte die gute Laune und das inzwischen fast selbstverständliche Selbstbewusstsein der versammelten deutschen Filmbranche an diesem Abend nicht. Bei über 25% Marktanteil, den der deutsche Film dank großer Publikumserfolge wie 'Keinohrhasen', 'Die wilden Kerle 5' und 'Die Welle' gegenwärtig einfährt, können Mäkeleien von Spielverderbern wie Til Schweiger locker ertragen werden. Der hatte seinen ‚Keinlolafilm’ zu spät angemeldet (Deadline war der 26.10.2007) und wurde regelgerecht übergangen, was ihn zu einem vorübergehenden Akademieaustritt und lautes Trommeln über das vermeintlich engstirnige Auswahlverfahren in den Feuilletons veranlasste.


Fotos: Gabriele Leidloff

Als einer der wenigen Kassenmagneten des bundesdeutschen Kinos ist das sein gutes Recht. Seine Vorwürfe ergeben indes ein schiefes Bild von der Problemlage, der sich die Akademie mit ihrem seit vier Jahren etablierten Auswahl- und Prämierungsverfahren durch die Mitglieder (und nicht, wie zuvor, durch eine zwölfköpfige Fachjury) konfrontiert sieht: Die 304 Damen und 714 Herren Mitglieder – mit einem Drittel sind die Schauspieler überrepräsentiert – könnten gar noch mehr aus dem Vollen schöpfen, wenn nicht Kategorien wie Jugend- und Dokumentarfilm (Mischformen oder Experimentalfilme gibt es für die Akademie gleich gar nicht) nicht so stiefmütterlich behandelt würden.

Aus Hunderten von Dokfilmen – für die meisten Regisseure der Branche das tägliche Butterbrot – dürfen ganze 2 (in Worten: zwei!) für die Endrunde nominiert werden. Denn für mehr Nominierungen ist nicht genug Kohle da – im Gegensatz zu den Schauspielstars, die in der Kategorie männliche und weibliche Hauptrolle aus Suspense-Gründen gleich im Sechserpack nominiert werden. Kein Wunder, dass die meisten Dokfilmer ebenso wie viele Glamour-Kritiker der ehrwürdigen Akademie die kalte Schulter zeigen und derzeit trotz großen Drängens durch den Vorstand nur 38 Mitglieder stellen. Dieses Missverhältnis muss der Akademievorstand unter Senta Berger und Produzent Günter Rohrbach in den nächsten Jahren ins Lot bringen.


Fotos: Gabriele Leidloff

Sei’s drum: Dass der Bessere gewinnen möge, das immerhin konnte die Verleihung des Deutschen Filmpreises 2008 einlösen: An Fatih Akins furiosem deutsch-türkischem Drama 'Auf der anderen Seite' kam die Akademie kaum vorbei, ebenso wenig an 'Kirschblüten'-Darsteller Elmar Wepper, dem eigentlichen Helden des Abends. Vor allem auf seinem bodenständigen Charme beruht die besondere Wirkung von Dörries Film – ebenso wie die von Christian Petzolds nominiertem Film 'Yella' auf Nina Hoss’ Schultern ruht. Ohne Gehässigkeit muss dabei erwähnt werden, dass Victoria Trauttmansdorff als prügelnde Ehefrau in Jan Bonnys 'Gegenüber' eine noch schwerere Last zu schultern hatte, was den Darstellerinnenpreis allemal wert gewesen wäre.

Ansonsten war nur noch die Frage offen, ob Akin – bereits durch zahlreiche, auch internationale Preise verwöhnt – auch die Gold-Lola gegenüber Doris Dörrie gegönnt wurde. Dass die gut aufgelegte Dörrie mit der Silber-Lola für 'Hanami – Kirschblüten' Vorlieb nehmen musste, schien ihr zumindest nach Außen an diesem Abend nichts auszumachen. Aber zumindest hätte die Showregie der Wegbereiterin der deutschen Komödienwelle der 1990er Jahre ein wenig mehr Respekt zollen und noch ein kurzes Dankeswort erlauben können, statt sie per Orchesterklimbim von der Bühne zu nötigen.


Fotos: Gabriele Leidloff

Ja, leider ging auch diese Lola-Show nicht ganz ohne Peinlichkeiten ab: So überzeugend Barbara Schöneberger ist, wenn sie als Interviewerin einen Gast herzlich auf die Schippe nimmt, so bemüht witzig wirkten auch diesmal wieder die Einspielfilmchen, in denen die üppige Blondine für Kurzweil sorgen sollte. Da gibt es nun massenhaft gute deutsche Komödien – aber bei der Lola-Verleihung werden die Witze älterer „Oscar“-Shows (das Gedankenlesen bei den Stars hatte Moderator Billy Crystal vor fast zehn Jahren grandios rübergebracht) recycelt – und zwar billig.

Und nicht, dass Sie denken, Sie kriegen das „glanzvolle Ereignis“ („Das Erste“-Originalton) „mit 12 Kameras und zwei Ü-Wagen“ (!) genauso wie den ARD-„Musikantenstadl“ in voller Länge zu sehen – mitnichten! Das wenige, was bei dieser Gelegenheit an Substanziellem über den Film im Allgemeinem und den deutschen Film im Speziellen gesagt wurde, wird gnadenlos zusammengekürzt: Nämlich sowohl die anregend-intellektuelle, sehr pointierte Lobrede von Regisseur Tom Tykwer auf seinen Kollegen Alexander Kluge (Hut ab!) als auch dessen visionär vor- und zurückblickende Dankesrede. Schon allein deshalb lohnte es, persönlich dabei gewesen zu sein. Max-Peter Heyne

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