
Besonders begeistert über den Mut, Produktionen zu prämieren, die tatsächlich für Qualität und nicht zwangsläufig für Kommerz stehen: Maren Kroymann
Wie bereits im Vorjahr wurden auch 2008 die Preise des Verbandes der Deutschen Filmkritik wieder in der 'Home Base Lounge' Nähe des Potsdamer Platzes im Rahmen der Berlinale verliehen. Erneut quoll die schicke Location geradezu über vor Mitgliedern des Verbandes, Filmschaffenden, Verleihern und Freunden.
Von FILMSTART waren vier Redaktionsmitglieder zugegen, von denen einige auch aktiv an der Preisfindung beteiligt gewesen waren. Der Abend wurde auf flapsig-liebenswerte Weise von Schauspieler Peter Lohmeyer ('Das Wunder von Bern') moderiert. Das machte das Event im Vergleich zum Vorjahr nicht nur deutlich kurzweiliger, sondern verlieh ihm auch eine wesentlich professionellere Note.

Viele der Ausgezeichneten unterstrichen die Bedeutung des unabhängigen Kritikerpreises und lobten den Mut, Produktionen zu prämieren, die tatsächlich für Qualität und nicht zwangsläufig für Kommerz stehen. Insbesondere begeistert zeigten sich hierbei die Dokumentarfilmerin Ulrike Ottinger ('Prater') und die mit dem Schauspielerpreis ausgezeichnete Maren Kroymann ('Verfolgt'). Erfreulich auch, dass es in diesem Jahr alle Ausgezeichneten einrichten konnten, ihre Preise persönlich in Empfang zu nehmen. Frank Brenner
Die Preise Bester Spielfilm:
Yella
von Christian Petzold
Bestes Spielfilmdebüt:
Die Unerzogenen
von Pia Marais

Hatten sichtlich Spaß bei der Verleihung: Ulrich Noethen und Moderator Peter Lohmeyer
Bester Darsteller: Ulrich Noethen in Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler
(Regie: Dani Levy) Beste Darstellerin:
Maren Kroymann in
Verfolgt (Regie: Angelina Maccarone)
Bestes Drehbuch:
Matthias Pacht und Alex Buresch für
Das wahre Leben (Regie: Alain Gsponer)
Beste Kamera:
Hans Fromm für
Yella (Regie: Christian Petzold)
Bester Schnitt:
Andrew Bird für
Auf der anderen Seite (Regie: Fatih Akin)
Beste Musik:
Dieter Schleip für
Die Hochstapler (Regie: Alexander Adolph)
Bester Dokumentarfilm:
Prater von Ulrike Ottinger
Bester Experimentalfilm:
Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde
von Jan Peters

Nicolette Krebitz erhielt den Spezialpreis für Das Herz ist ein dunkler Wald
Spezialpreis: Das Herz ist ein dunkler Wald
Regie: Nicolette Krebitz, Kamera: Bella Halben Der Experimentalfilmpreis wurde bereits im April 2007 von einer Fachjury beim Media Arts Festival in Osnabrück vergeben. Der Kurzfilm-Preis wird erst im April 2008 von einer Fachjury beim Filmfest Dresden vergeben. Alle Preise sind dotiert.
Begründungen Bester Film:
Yella
von Christian Petzold
Der Preis wurde durch Abstimmung unter den mehr als 250 Mitgliedern ermittelt. Daher gibt es keine Begründung.
Bestes Spielfilmdebüt:
Die Unerzogenen von Pia Marais
Begründungder Jury:
Die Berliner dffb-Studentin Pia Marais erzählt in ihrem Film Die Unerzogenen von mehr als vom Coming-of-Age. Neben dem Portrait eines 14-jährigen Mädchens, zeigt ihr Film auch Generationenverhältnisse, und zieht eine vielschichtige Bilanz des Erbes von 1968. Die Unerzogenen ist ein Werk voller Intensität, mit einer hitzigen Kamera, die suchend, zögernd, und darin sehr selbstbewusst wie eine Sammlerin durch Stevies Leben flaniert. Die Farben erinnern an die alter Fotografien, und wenn dies auch in der Gegenwart spielt, fühlt man sich immer wieder in das unvertraute Terrain der Vergangenheit versetzt. Ein - im besten Sinne – ungeschliffener Film: roh, manchmal grob, immer intensiv; zugleich eine sehr reife Arbeit, die nie "nur" ein Debüt ist.
Fachjury: Frank Brenner, Heike Hurst, Ralf Schenk, Rüdiger Suchsland, Florian Vollmers
Beste Darstellerin:
Maren Kroymann in
Verfolgt (Regie: Angelina Maccarone)
Begründung der Jury:
So eine Rolle spielt man wohl nur einmal im Leben. Maren Kroymann gehört mit Verfolgt nun in den Olymp solcher Ausnahme-Leistungen. Wagemutig und unglaublich facettenreich verkörpert sie eine gestandene Frau, deren Leben durch eine sexuelle Obsession aus der Bahn gerät. Sie trägt den Film, es ist "ihr" Film.
Fachjury: Frank Brenner, Katharina Dockhorn, Kirsten Liese, Alf Mayer, Ralf Schenk
Bester Darsteller:
Ulrich Noethen in
Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahreit über Adolf Hitler
(Regie: Dani Levy)
Begründung der Jury:
Ulrich Noethen hat im letzten Jahr in mehreren Filmen herausragende Leistungen vollbracht. Besonders gefallen - und dafür bekommt er den Preis der Deutschen Filmkritik als bester Darsteller - hat uns seine relative kleine Rolle in Mein Führer. Sein SS-Chef Heinrich Himmler ist köstliche Karikatur unter Karikaturen, aber unter der Oberfläche zeigt uns Ulrich Noethen hiermit immer, dass er eigentlich einen Bösen spielt.
Fachjury: Katharina Dockhorn, Marc Hairapetian, Rolf Ruediger Hamacher, Peter Hornung, Alf Mayer
Dokumentarfilm:
Prater
von Ulrike Ottinger
Begründung der Jury:
Virtuose, hautnahe Achterbahn-Erlebnis-Sequenzen, rasante Kamerafahrten und Loopings durch Grottenbahnen und Monster-Tunnelwelten, Kuriositäten und ein Hauch von Nostalgie: Ulrike Ottinger gelingt ein historisch fundierter, visuell faszinierender, poetischer und lebendiger Streifzug durch die Kulturgeschichte des ältesten Vergnügungsparks der Welt vom Kaiserreich bis heute.
Fachjury: Heike Hurst, Kay Hoffmann, Kirsten Liese, Wilhelm Roth, Thomas Rothschild
Drehbuch:
Matthias Pacht und Holger Buresch für
Das wahre Leben (Regie: Alain Gsponer)
Begründung der Jury:
Alain Gsponer beschreibt in seinem Familien-Psycho-Drama sensibel und mit hohem Gespür für Zwischentöne das Zerbrechen einer Mittelklassefamilien-Idylle in einer uniformierten Einfamilienhaussiedlung, die in ihrer kleinbürgerlichen Spießigkeit typisch (west)deutsch, auf der anderen durch die Psychologisierung der Figuren und der Beschreibung der Atmosphäre universell ist.
Fachjury: Enrico Bosten, Katharina Dockhorn, Peter Hornung, Alf Mayer, Ralf Schenk
Kamera:
Hans Fromm für
Yella (Regie: Christian Petzold)
Begründung der Jury: Hans Fromm kreiert kühle, fast puristische Bilder von suggestiver Kraft, die maßgeblich die Innenansicht der Protagonistin, das Verlorensein und die Einsamkeit, transportieren. Klar, souverän und stilsicher.
Fachjury: Oliver Baumgarten, Mike Beilfuß, Enrico Bosten, Rolf Ruediger Hamacher, Rüdiger Suchsland
Musik:
Dieter Schleip für
Die Hochstapler (Regie: Alexander Adolph)
Begründung der Jury: Der Umstand, dass ein Dokumentarfilm mit einem eigens komponierten vollorchestralen Soundtrack ausgestattet wird, ist selten genug. Darüber hinaus findet Dieter Schleip zarte, aber auch opulent-aristokratische Klänge für die vier Gentleman-Gauner, die hier offen über ihre „Profession“ sprechen. Er denunziert seine Protagonisten nicht, auch wenn deren Aktivitäten oftmals am Rande der Legalität liegen. Ein charmantes Hörvergnügen, dass bestens mit dem Retro-Style des Langfilm-Debüts von Alexander Adolph korrespondiert.
Fachjury: Mike Beilfuß, Andrea Dittgen, Marc Hairapetian, Kirsten Liese, David Serong
Schnitt:
Andrew Bird für
Auf der anderen Seite (Regie: Fatih Akin)
Begründung der Jury:
Meisterlich gelingt es dem Editoren Andrew Bird, die unterschiedlichen Stimmungen, Figuren und Stränge des gedrehten Materials emotional, dramaturgisch sowie rhythmisch zu einem packenden und rundum stimmigen Film zu verdichten.
Fachjury: Oliver Baumgarten, José Garcia, Peter Hornung, Nikolaj Nikitin, David Serong
Spezialpreis:
Das Herz ist ein dunkler Wald
Regie: Nicolette Krebitz, Kamera: Bella Halben
Begründung:
Schlaftrunken, schief, irgendwie ver-rückt sind die Einstellungen und Perspektiven der hervorragenden Bilder in diesem Film. Sie signalisieren Desorientierung, transportieren das Gefühl, dass irgendetwas hier nicht stimmt, direkt ins Unterbewußtsein des Zuschauers. Unglaublich originell, virtuos und dabei souverän in ihren Mitteln öffnen Krebitz und Halben die Türen in ein anderes Kinoreich, und beweisen filmischen Möglichkeitssinn. Zwischen Surrealität, dunkler Romantik und hell-kühlem Realismus besticht diese Arbeit durch ihre stilistische Spannbreite und den souveränen Umgang mit filmgeschichtlichen Referenzen.
Fachjury: Vorstand
Experimentalfilm:
Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde
von Jan Peters
Begründung der Jury:
Peters gelingt es, die gesellschaftliche Realität von Arbeitslosigkeit und Minijobs so humorvoll wie hintersinnig zu kommentieren und sie gleichzeitig pointiert bloß zu stellen. Dabei nutzt er souverän und auf vielfältige Weise die Möglichkeiten des Experimentalfilms – eine Satire, die Performance, Fiktion, Dokumentation und Experiment beständig miteinander verknüpft.
Fachjury: Willi Karow, Ingo Petzke, Nana Rebhan, Conny C. Voester
Der Experimentalfilmpreis wurde bereits vergeben beim European Media Arts Festival im April 2007 in Osnabrück.
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