Neben Andreas Dresen (Sommer vorm Balkon) zählt der Autorenfilmer Christian Petzold momentan zu den interessantesten und diskussionswürdigsten Filmemachern Deutschlands.
Seine bisherigen Werke wurden stets mit unzähligen Preisen überhäuft. Seit Die innere Sicherheit (2001) hat er sich endgültig aus dem Filmhochschulumfeld gelöst, einen Deutschen Filmpreis gewonnen und die Aufmerksamkeit des interessierten Kinogängers errungen. Mit Toter Mann (2002) und Wolfsburg (2003) konnte Petzold diese Erfolgsserie weiter ausbauen, Gespenster (2005) und schließlich Yella liefen im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Berlin, wo letzterer Nina Hoss den Silbernen Bären als beste Schauspielerin einbrachte.
Im Gegensatz zu Andreas Dresen schaut Petzold in seinen Filmen nicht dem kleinen Mann auf der Straße tragikomisch dabei zu, wie er sich im 21. Jahrhundert abstrampelt und mehr schlecht als recht mit den alltäglichen Herausforderungen zu Recht kommt. Petzold hat sich dem elitäreren Blickwinkel verschrieben, und beobachtet seine Figuren aus der gehobenen Mittel- oder Oberschicht aus dem kühlen Blickwinkel des Sezierers.
Auch Yella (Nina Hoss) und ihr Mann Ben (Hinnerk Schönemann) gehörten noch vor kurzem zu den Machern der New Economy. Nun musste Bens Firma aber Insolvenz anmelden, Yella hat dem Gescheiterten den Laufpass gegeben. Aus dem ostdeutschen Wittenberge verschlägt es die junge Frau nach Hannover, wo sie auf der Suche nach einem Job als Buchhalterin auf Philipp (Devid Striesow) trifft. Dieser arbeitet für eine Private-Equity-Firma, die sich als Risikokapitalgeber für finanzschwache mittlere Betriebe engagiert. Yella kommt Philipp mit ihrem Wissen gerade recht. Die beiden werden zum Team, das ihre Auftraggeber schon mal über den Tisch zieht. Doch auch Ben, der in seiner Verzweiflung Yella und sich selbst umbringen wollte, taucht in Hannover auf und heftet sich an die Fersen seiner Frau.
Christian Petzolds Filme sind durchweg sehr dialogarm und nüchtern bis lakonisch in Szene gesetzt. Der Filmemacher konzentriert sich dabei zumeist auf das Wesentliche, fokussiert auf seine Hauptfiguren und schildert deren Schicksale weitgehend ohne Mätzchen. Aber er bildet auch immer ein Stück deutscher Alltagsrealität ab. In Die innere Sicherheit befasste er sich mit ehemaligen RAF-Terroristen, in Wolfsburg nahm er die Stadt, die wie kaum eine zweite mit den Schrecken des Naziregimes und dem wirtschaftlichen Aufschwung gleichermaßen konnotiert ist, als Aufhänger für seine individualisierten Lebensläufe. Auch in Gespenster, in dem sich Petzold über weite Strecken auf ein für seine Filme untypisches soziales Niveau herabließ und vielleicht auch deswegen in die Belanglosigkeit abdriftete, machte er seine gesellschaftlichen Statements an einer Handvoll realitätsnah gezeichneter Figuren fest.
Yella bildet da keine Ausnahme. Es sind die drei in der Zusammenfassung des Inhalts erwähnten Charaktere, die den ganzen Film tragen, nicht zuletzt, weil Petzold sie erneut mit den besten ihres Faches besetzt hat und seine Darsteller wie immer brillant zu führen versteht. Doch Yella hat neben den bissigen Kommentaren zu einem sich mehr und mehr ausbreitenden Geschäftsgebaren noch mehr zu bieten.
Der Film wartet mit einer nicht zu verachtenden mystischen Komponente auf, die sich um die Titelheldin rankt. Nach ihrem Ausbruch aus der ostdeutschen Provinz wird sie von seltsamen Erscheinungen und Sinneswahrnehmungen heimgesucht, deren Ursprung lange im Dunkeln liegt. Es wäre unklug, an dieser Stelle mehr darüber zu verraten, weil diese geheimnisvolle Ebene nicht zuletzt durch Petzolds verhaltene Inszenierung einen effektvollen Sog entwickelt und die Spannung der Geschichte zusätzlich anheizt. Dadurch, dass diese teilweise minimalen Divergenzen von der Alltagsrealität von jedem Kinozuschauer problemlos nachvollzogen werden können, wächst uns nicht nur Yella und ihr Schicksal ans Herz, sondern funktioniert auch der von der Regie intendierte Verstörungseffekt ausgesprochen gut. FB
D 2007. Regie und Buch: Christian Petzold. Mit: Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann, Burghart Klaußner, Barbara Auer, Christian Redl, Wanja Mues. Piffl. 89 Min. Ab 13. September im Kino. Ab 13. September 2007 im Kino.
> FILMSTART-Thema: Interview mit Devid Striesow
> FILMSTART-Forum: Kino Aktuell
> Offizielle Webseite (Deutschland)
> Offizielle Webseite (International) |