Ganz egal, ob man mit der Tatsache vertraut ist, dass es sich bei den in diesem Film geschilderten Ereignissen um die Nacherzählung einer wahren Geschichte handelt – man wird dem Geschehen als geduldiger Zuschauer mit wachsendem Interesse und steigendem Unwohlsein folgen.
Tom Kalin hat die Entwicklungen so dezent und unterschwellig inszeniert, dass sie sich zunächst fast unbemerkt in die Handlung einschleichen. Erste Veränderungen werden so geschickt angedeutet, dass der Zuschauer aktiv zum Mitdenken aufgefordert wird, um diese zu entdecken und daraus erste Schlussfolgerungen zu ziehen. Mag man sich nicht die Mühe machen, auf Nuancen zu achten, kann einem deswegen so manches entgehen und dadurch der weitere Verlauf der Ereignisse eventuell belanglos erscheinen. Bleibt man allerdings am Ball, wird man nach und nach in die unheilschwangere Atmosphäre einer faszinierenden Geschichte gesogen, die das Entgleisen einer gesellschaftlich hoch angesehenen Familie beschreibt.
Julianne Moore spielt darin einmal mehr das High-Society-Frauchen mit dem Talent zur geschickt zur Schau getragenen heilen Fassade, welche ihr mehr und mehr zu zerbröckeln droht und schließlich in sich zusammenbricht. Ihr zur Seite kann vor allem der Shootingstar Eddie Redmayne ('Die Schwester der Königin') ein darstellerisches Glanzlicht setzen, wobei seine Rolle, die für sämtliche Entwicklungen der Geschichte essenziell ist, einer noch präziseren Ausarbeitung bedurft hätte. Wie sich sein Tony durch das absonderliche Gebaren seiner Familie zu dem entwickelt, was er am Ende des Filmes ist, kann man zwar anhand der Umstände nachvollziehen, bekommt es jedoch nicht durchweg schlüssig durch die Inszenierung vermittelt.
Hier bleibt 'Wilde Unschuld' bruchstückhaft und hätte einer noch nachdrücklicheren Ausarbeitung bedurft. Davon abgesehen ist der Film aber zu einem spannungsreichen Sitten- und Zeitgemälde geworden, das die drei Jahrzehnte umspannende Story glaubhaft auferstehen lässt und durch eine dramatische Zuspitzung der Ereignisse durchweg fesselnde Unterhaltung verspricht. Frank Brenner USA/E 2007 (Savage Grace) Regie: Tom Kalin. Buch: Howard A. Rodman. Mit: Julianne Moore, Stephen Dillane, Eddie Redmayne, Belén Rueda, Unax Ugalde, Hugh Dancy, Elena Anaya. 96 Min. Concorde. Ab 8. Mai 2008 im Kino.
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