Nach dem mittelmäßigen Unterhaltungsfilm Si j'étais un espion (1967), in dem er seinen Vater, den großen französischen Charakterdarsteller Bernard Blier, inszenieren durfte, schien die Regie-Karriere von Bertrand Blier schon beendet.
Da überredete er Jeanne Moreau zu einem Kurzauftritt in Die Ausgebufften (1973), einer respektlosen Komödie über zwei gegen gesellschaftliche Normen rebellierende Typen, die von den beiden aufstrebenden Jungstars Gérard Depardieu und Patrick Dewaere dargestellt wurden. Der Coup gelang, der Film machte vor allem wegen einer damals skandalösen Sex-Szene zwischen den dreien Furore und verhalf Moreaus jungen Kollegen zu einem Karrieresprung. Und Blier hatte seinen Stil gefunden: provokante Themen „leicht“ zu verpacken.
In Frau zu verschenken (1977) hatte er sich dann schon die „pubertären Hörner“ abgestoßen und schickte Depardieu und Dewaere als Ehemann und Geliebten ins Bett derselben Frau, die schließlich in der Liebe zu einem 13jährigen Erfüllung findet. Nicht zuletzt durch die Musik von Georges Delerue wurde aus dieser gewagten Story einer der zärtlichsten Liebesfilme des französischen Kinos. Und auch als sich Patrick Dewaere in Ausgerechnet ihr Stiefvater (1981) in die halbwüchsige Tochter seiner tödlich verunglückten Freundin verliebt, triumphiert Bliers behutsame Inszenierung über das heikle Thema. Durch Dewaeres Selbstmord 1982 wurde diese fruchtbare Liaison leider auf tragische Weise zerstört.
Depardieu ist seinem Entdecker treu geblieben und spielt jetzt in Wie sehr liebst du mich? wie schon in Abendanzug (1985) eine schrille Figur, die ironisch gebrochene Schlaglichter auf zwischenmenschliche Machtstrukturen wirft, wobei wieder Bliers Lieblingsthema – die Beziehung zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Charakteren – im Mittelpunkt steht.
Und wieder ist Depardieu der Dritte im Bunde: als Zuhälter der schönen Hure Daniela (Monica Bellucci) beobachtet er teils amüsiert, teils eifersüchtig deren Ausbruch aus dem Milieu. Als eines Abends der unscheinbare Staatsdiener François (Bernard Campan), der vorgibt, im Lotto gewonnen zu haben, sie bittet, gegen ein monatliches Salär zu ihm zu ziehen, sagt sie sofort zu. Das häusliche Glück wird jedoch durch François' gesundheitliche Angeschlagenheit und Danielas aufkommende Zweifel getrübt. Und als ihr Zuhälter eine „Ablösesumme“ verlangt, offenbart sich der Lottogewinn als Schwindel. Aber irgendwie hat Daniela Lust am bürgerlichen Leben gefunden...
Auf den ersten Blick ein (Nutten-) Märchen über jene (überholten?) Männerfantasien, die die „perfekte Frau“ als Hure und Heilige sehen. Aber das von Blier über den aufregenden Körper von Monica Bellucci und dann auf die Leinwand projizierte Wunschbild bekommt schon bald seine Risse, wenn er mit galligem Humor die Rollenklischees gegen den Strich bürstet. So erscheinen Unschuld und käufliche Liebe in einem geradezu geheimnisvollen Gewand, dessen Poesie man sich nicht verschließen kann.
Die Eleganz von Bliers Inszenierung korrespondiert dabei wundervoll mit der fließenden Kameraarbeit von François Catonné und der Spiellaune seiner großartigen Schauspieler, wobei der unscheinbar wirkende Bernard Campan – einst Mitglied der Komikertruppe „Les inconnus“ – paradoxerweise gerade durch seine Farblosigkeit das Salz in der üppigen „Mahlzeit“ der leinwandsprengenden Bellucci ist. RRH
F/I 2005 (Combien tu m'aimes?) Regie und Buch: Bertrand Blier. Mit: Monica Bellucci, Bernard Campan, Gérard Depardieu, Jean-Pierre Darroussin, Edouard Baer, Farida Rahouadj. Concorde. 95 Min. Ab 31. August 2006 im Kino.