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Die Unbekannte

Man wollte schon meinen, es sei ein wenig mau geworden um den italienischen Film. Doch da entwirft Giuseppe Tornatore dieses Psychodrama, das in allen Belangen punktet und dafür bereits international Preise eingeheimst hat.


Herzblut-Regisseur Tornatore ('Cinema Paradiso') schenkt dem Kino eine schon verloren geglaubte Gattung zurück: Ein vor allem von Hitchcock beseeltes Psychodrama, in dem eine traumatisierte und in neuer Identität wiedergeborene Frau versucht, der schmerzvollen Vergangenheit zu entfliehen und den erlittenen Verlusten hinterherzulaufen. Dabei wird die tragische Heldin selbst zu zwielichtigem Verhalten gezwungen.

Irena (Xenia Rappoport) aus der Ukraine landet in einer italienischen Stadt, deponiert eine hohe Geldsumme auf der Bank und ist merkwürdig zielgerichtet auf der Suche nach Jobs. Unterstützt wird sie dabei von einem ausbeuterischen Mann. Die Unbekannte hat, so verdeutlichen Rückblenden, ein Martyrium hinter sich. Der Hölle entkommen, sucht sie nun den Anschluss an die Normalität und an familiäre Bindung, die sie in einer Juweliersfamilie findet, für die sie putzt und auf das kleine Töchterchen aufpasst. Ein Plan will Form annehmen, da holt sie die Vergangenheit ein.

Meisterhaft spinnt Tornatore das Psychopuzzle seiner Protagonistin, versorgt den Zuschauer häppchenweise und souverän getimt mit düsteren, surrealen Verweisen auf die Vergangenheit, die den Film über einen wohl komponierten Spannungsbogen zur Vollendung führen. Die unheilschwangere Inszenierung der Eröffnung weiß der Regisseur bis zum Ende seines Zweistünders atmosphärisch aufrecht zu erhalten. Inszenatorisch vertraut er auf klassische Effekte, Kino ist hier weder um Naturalismus bemüht noch zeitgemäß digital gestützt, sondern per Handarbeit, aber pompös inszeniert.

Altmeister Ennio Morricone, der in diesem Jahr 80 wird, unterlegt den Bilderreigen in den Fußstapfen von Bernard Herrmann mit opulent aufgeblähtem Soundtrack, in dem elegische Streichwogen die Heldin überhöht durch ihre Passion führen. Trotzdem gipfelt der Film nicht im kunstvoll weltentrückten Melodram: Tornatore verliert in seinem Drama, das fließend zu einem Psychothriller anwächst, nie den authentischen Blick fürs Milieu. Story, Atmosphäre, Darsteller, Musik und Bildkomposition – hier stimmt alles. Dieser Film ist großes Kino. Hartmut Ernst

I/F 2006 (La Sconosciuta) Regie und Buch: Giuseppe Tornatore. Mit: Xenia Rappoport, Michele Placido, Claudia Gerini, Margherita Buy, Pierfrancesco Favino, Piera Degli Esposti, Ángela Molina. Senator. 118 Min. Ab 22. Mai 2008 im Kino.

 

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