Der deutsche Regisseur Marco Kreuzpaintner hat seinen Hollywood-Einstand konsequent und geschickt dazu genutzt, ein kontroverses und weithin unterschätztes Thema – bandenmäßig organisierte sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen und Zwangsprostitution – anzupacken.
Ein Glücksfall für alle Beteiligten – und das kam so: Bei einem Münchenbesuch ist der in den USA lebende Regisseur und Produzent Roland Emmerich von der feinfühligen Inszenierung von Marco Kreuzpaintners Jugenddrama Sommersturm so angetan, dass er den damals 27-Jährigen nach Los Angeles einlädt und sogar ermuntert, unter seiner Ägide einen Film zu inszenieren. Aus dem ihm dargebotenen Stapel von Skriptentwürfen wählt Kreuzpaintner zielsicher den heikelsten Stoff aus, den Emmerich allerdings „selbst inszenieren wollte“, wie er sagt. Doch da ein Mammutprojekt Emmerichs Aufmerksamkeit erforderte, bekam Kreuzpaintner Ende 2006 schließlich doch die Gelegenheit, den Thriller mit ernstem Hintergrund zu inszenieren.
Die Handlung basiert auf der Reportage „The Girls Next Door“, die der US-Journalist Peter Landesman im April 2004 als Titelgeschichte im New York Magazine veröffentlichte. Landesman berichtete erstmals ausführlich, wie vor allem minderjährige Mädchen und junge Frauen, bisweilen auch Jungen, aus Mexiko entführt oder von Verwandten verkauft und zur Zwangsprostitution in Bordelle und geheime Treffs in den USA verschleppt werden. Der straff und professionell organisierte Menschenhandel reicht also bis in die wohlhabende Nachbarschaft von US-Städten und spielt sich auf anderen Kontinenten auf ähnliche Weise ab.
Die Filmemacher und Drehbuchautor Jose Rivera ergänzten das Ausgangsmaterial für das Drehbuch deshalb um eine globale Dimension und verschränkten die Schicksale eines mexikanischen Geschwisterpaares, einer jungen Ukrainerin und eines US-Polizisten: Der erste Teil des Films spielt in den Armenvierteln Mexiko-Citys, wo der 17jährige Jorge (Cesar Ramos) mit seinen Kumpels illegalen Gaunereien nachgeht. Jorge und seine Bande rauben ausländische Touristen aus, die sie mit der Aussicht auf minderjährige Mexikanerinnen ködern.
Die bittere Volte: Kurz darauf wird Jorges 13jährige Schwester Adriana (eine Entdeckung: Paulina Gaitan) selbst Opfer von Menschenhändlern, die sie mitten am Tag aus dem Slum in ein geheimes Versteck entführen. Hierher kommen weitere Verschleppungsopfer, darunter auch eine junge Ukrainerin, die unter falschen Job-Versprechungen nach Mexiko gelockt wurde. Hilflos müssen die mexikanischen Kinder erleben, wie Veronica (Alicja Bachleda) vor ihren Augen vergewaltigt wird, um für die Zwangsprostitution gefügig gemacht zu werden. Jüngere wie Adriana sollen hingegen als Jungfrauen lukrativ in einschlägigen Internet-Foren an die Meistbietenden versteigert werden.
Doch Adrianas Bruder Jorge ist der Bande auf den Fersen und so entwickelt sich eine Verfolgungsjagd, bei der der Zuschauer mit dem jungen Helden und den Entführten mitfiebert und -leidet. Bei seiner Hatz gerät Jorge an den US-Polizisten Ray, der eigentlich Versicherungsbetrüger bekämpft, aber den Menschenhändlern aus eigener Betroffenheit auf der Spur ist. Kevin Kline ist kein draufgängerischer Actionheld, sondern ein wackerer, von den Dimensionen des Menschenhandels nahezu überforderter Cop, den auch das Desinteresse seiner FBI-Kollegen sprachlos macht.
Kreuzpaintner scheut nicht vor einer starken, publikumsträchtigen Emotionalisierung der ohnehin hochdramatischen Geschichte zurück. Sein inszenatorisches Geschick, das wichtige Thema nicht zugunsten schierer Effekthascherei zu verschenken, zeigt sich bei der Inszenierung besonders harter Szenen (z.B. dem Verschachern der Mädchen hinter der US-Grenze in New Mexico an dort wartende, pädophile Amerikaner). Der Showdown setzt ganz auf Spannung, nicht auf vordergründige Action.
Ein mitreißender und packender Film, der sein brisantes Thema spektakulär, aber nicht spekulativ aufbereitet. Leider nimmt die lieblos wirkende, deutsche Synchronfassung dem Filmgeschehen viel von seiner Authentizität. MPH USA/D 2006 (Trade) Regie: Marco Kreuzpaintner. Buch: Jose Rivera. Mit: Kevin Kline, Cesar Ramos, Alicja Bachleda, Paulina Gaitan, Marco Perez, Linda Emond. Fox. 119 Min. Ab 18. Oktober 2007 im Kino.
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