Da werden die seit 'Fluch der Karibik' noch zahlreicher gewordenen Johnny-Depp-Fans aber arg enttäuscht sein, besonders die minderjährigen. Denn ihr Idol kommt diesmal nicht gerade jugendfrei (FSK: ab 16) daher und spielt auch noch den „Bösen“. Dazu noch in einem Genre, das hierzulande allgemein als Kassengift gilt: dem Musical.
Aber auch die von Andrew Lloyd Webber und seinen Epigonen verdorbenen Musical-Liebhaber werden mit 'Sweeney Todd' so ihre Schwierigkeiten haben. Stephen Sondheims Meisterwerk aus dem Jahre 1979 orientiert sich nämlich mehr an Bernard Herrmanns Hitchcock-Soundtracks und an der Oper, als am traditionellen Broadway-Ohrwurm-Sound. Sein durchkomponiertes Stück fußt auf einem 1970 aufgeführten Theaterstück des englischen Dramatikers Christopher Bond, das wiederum auf „Grand Guignol“-Schauergeschichten aus dem 19. Jahrhundert basiert.
Der Barbier Sweeney Todd alias Benjamin Barker (Johnny Depp) kehrt nach 15 Jahren Verbannung nach London zurück, um sich an Richter Turpin (Alan Rickman) zu rächen. Der hatte ihn einst unschuldig verurteilt, um sich seiner Frau Lucy zu bemächtigen. Todd metzelt nun mit seinem Rasiermesser alle nieder, die seinem Plan im Wege stehen und befördert die Leichen in den Keller der in ihn verliebten Bäckerin Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter), die die Opfer zu den beliebtesten Fleischpasteten der Stadt verarbeitet. Er ahnt weder, dass das junge Mädchen im Haus von Turpin seine eigene Tochter ist, noch dass eine ständig um den Laden herumstreichende Bettlerin die tot geglaubte Lucy ist. Das Drama spitzt sich immer mehr zu und macht letztlich auch nicht vor Sweeney halt...
Tim Burton, der ja schon aus Roald Dahls knallbunt-skurillen 'Charlie und die Schokoladenfabrik'-Story ein eher düsteres Märchen gemacht hatte, garniert hier den schwarzen Humor der Vorlage mit den Zutaten eines Blut spritzenden Slasher-Movies und gewinnt so der Gattung Musical ungeahnte Reize ab. Natürlich dürften die ständigen Blutfontänen so manchem zarten Gemüt den Blick auf die Zärtlichkeit der Geschichte verstellen, die immer wieder zwischen den morbiden, farbentsättigten Bildern hervorlugt. Schon eines der ersten Bilder, ein sich unter den Regen mischender Blutstropfen, ist von einer Poesie, die sich trotz allen Schreckens durch den ganzen Film zieht. Glücklicherweise hat man in der deutschen Fassung nur die Dialoge synchronisiert und die wunderbaren Balladen im Original belassen.
Obwohl sich unter den Darstellern nur eine ausgebildete Sängerin (Laura Michelle Kelly als Bettlerin) befand, gelingt es den Schauspielern, selbst Sondheims komplizierte Duette anhörbar zu intonieren. So wird Sweeney Todd nicht nur zu einem Ohren-, sondern durch Dante Ferrettis Setdesign und Dariusz Wolskis Kameraarbeit auch zu einem Augenschmaus. Und natürlich trägt auch das bis in die Nebenrollen charismatisch besetzte Ensemble, allen voran Johnny Depp in seiner sechsten Zusammenarbeit mit Tim Burton und dessen Lebensgefährtin Helena Bonham Carter, zu diesem schaurig-schönen Vergnügen bei.
Rolf-Rüdiger Hamacher
USA/GB 2007 (Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street) Regie: Tim Burton. Buch: John Logan. Mit: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman, Timothy Spall, Sacha Baron Cohen, Jamie Campbell Bower, Laura Michelle Kelly. Warner. 116 Min. Ab 21. Februar 2008 im Kino.
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