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Science of Sleep – Anleitung zum Träumen




Watte-Wolken, Autos aus Klopapier-Rollen, gestrickte Pferde mit Knopf-Augen, selbstgebaute 1-Sekunden-Zeitmaschinen und Wasser aus Bonbonpapieren. Überdimensional vergrößerte Hände, Erdbeben in Pappmaschée-Städten und psychedelische Farbklecksbilder: Man hätte damit rechnen können, immerhin ist Science of Sleep ein Michel-Gondry-Film.

Doch auch wer Vergiss mein nicht! gesehen hat, muss sich angesichts der entfesselten Phantasiewelten, die der französische Videoclip-Großmeister in seinem dritten abendfüllenden Film auf die Leinwand zaubert, nicht selten vor begeistertem Staunen die Augen reiben.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, in dem die Jagd durch Jim Carreys Träume noch durch eine absurde Handlung um Gehirnwäschen und Gedankenlöschung im weitesten Sinne motiviert war, springt der Plot hier ständig und ohne Vorwarnung vom Wachzustand in den Traum und zurück, bis am Ende die Übergänge fließend werden.

Stéphane (Gaël García Bernal) hat Probleme bei der Unterscheidung von Realität und Fiktion. In seinen Träumen hat er seine Angebetete, Stéphanie (Charlotte Gainsbourg), mit Charme, Charisma und einigen außergewöhnlichen Fähigkeiten – wie zum Beispiel der, mit Klavierakkorden Wolken zum Schweben zu bringen – schon längst erobert. Doch wenn er wach ist, traut er sich noch nicht mal ihr zu gestehen, dass er in der Wohnung nebenan wohnt. Auch sein stupider Job in einer Kalenderfirma spricht nicht gerade für die Wirklichkeit.

Eigentlich wollte er kreativer Berater werden, jetzt tippt er nur Monatsnamen in die Setzmaschine und schlägt sich mit seinem sexbesessenen Kollegen herum. Kein Wunder also, dass es ihn aus der Tristesse des Alltags immer weiter in märchenhafte Fantasiewelten treibt.

Alles in Science of Sleep ist in Auflösung begriffen, ganz besonders Stéphanes Verstand. Den Handlungsfaden detailliert wiederzugeben scheint fast unmöglich, so viele Salti schlägt die Story. Anfangs helfen noch kurze Einleitungen zu den Traumsequenzen, die Stéphane in einem Fernsehstudio aus Karton gibt, wenigstens ansatzweise die Orientierung zu behalten. Je schwammiger aber die Grenze zwischen Phantasie und Realität wird, desto besser tut man als Zuschauer daran, sich einfach von Gondrys Ideen-Tsunami wegspülen zu lassen.

Es gibt momentan wohl kaum jemanden, der als Regisseur einen eigenwilligeren und innovativeren Stil pflegt, als Michel Gondry. Seine Musikvideo-Arbeiten für Björk und die White Stripes sind legendär. Niemand verbindet ausgefeilteste Tricktechnik mit so viel selbst gebasteltem Charme und skurrilem Witz, wie der Franzose.

Wenn Stéphane und Stéphanie in einer der schönsten Szenen mit kindlichem Enthusiasmus aus Haushaltswaren die Requisiten für einen Trickfilm entstehen lassen, dann wirkt das, als ließe Gondry den Zuschauer über seine Schulter schauen. Genau so, denkt oder wünscht man, mit genau dieser grenz-autistischen Weltvergessenheit entstehen auch seine Filme; eben diese Mischung unterschiedlichster Stile und Materialien ergibt das unvergleichliche, surreale Kindergeburtstags-Gefühl, bei dem jede neue Szene in noch bunteres Geschenkpapier eingewickelt ist und man die Spannung und Vorfreude auf die nächste Überraschung kaum aushält. UZ

F 2006 (La Science des rêves) Regie und Buch: Michel Gondry. Mit: Gaël García Bernal, Charlotte Gainsbourg, Miou-Miou, Alain Chabat, Pierre Vaneck, Emma de Caunes, Aurélia Petit. Prokino. 105 Min.
Ab 28. September 2006 im Kino.