
Was fehlt dem deutschen Film? Freches, Schrilles, Dreistes! Wo ist das deutsche Pendant zu Hot Fuzz? Wo die teutonische Little Miss Sunshine? Ausgerechnet ein Regisseur (Oliver Rihs) und ein Produzent (Olivier Kolb) aus der biederen Schweiz sorgen nun für frischen Wind mit einer Komödie voll schwarzem, anarchistischem Witz.
Gegriffen wurde mitten ins pralle Hauptstadtleben, denn die Dichte an Schwarzen Schafen der Gesellschaft ist in jener Großstadt am höchsten, die – auch laut einer aktuellen Illustrierten-Umfrage – als „multikulturellste, weltoffenste und coolste Stadt“ Deutschlands eingeschätzt wird: Berlin.
„Die verschiedenen Subkulturen faszinierten mich, und ausgehend von Meldungen in der Boulevardpresse habe ich Episoden ausgemalt“, so Rihs. Das kontrastreiche, dramaturgische Prinzip von Stadt als Beute und Komm näher wurde noch beschleunigt und über die Schmerzgrenze getrieben. 24 Stunden Berliner Pflaster: Da ist der abgebrannte Hochstapler Boris, der zwar erfolgreich saturierte Tussis in Luxushotels abschleppt, eine Perspektive aber nur mehr in einem Versicherungsbetrug durch Selbstverstümmelung sieht. Da sind die drei Türkenjungs, die nix als Ficken im Kopf haben. Und da sind die beiden Satanisten, die endlich einmal so richtig Okkultes an Unschuldigen praktizieren wollen.
Schon wegen der Details in letztgenannter Episode wäre eine öffentliche Filmförderung wohl schwierig geworden, auf die die Filmemacher ebenso kluger- wie riskanterweise von Vornherein verzichtet haben. Ohne Genehmigungen wurde – „in Guerillamanier“, wie Regisseur Rihs nicht ohne Stolz betont – drauflos gedreht.
Deshalb ist diese wunderbar hemmungslose Berlin-Hommage wohltuend weit von braven Fernsehspielformaten entfernt, und dass erlebnishungrigen Wessi-Touris (ein Münchener im „Feindesland“) das schicke Polohemd voll gekotzt wird, noch einer der harmloseren Gags. MPH
D 2006. Regie und Buch: Oliver Rihs. Mit: Marc Hosemann, Robert Stadlober, Jule Böwe, Milan Peschel, Oktay Özdemir, Tom Schilling, Bruno Cathomas, Mina Tander. Filmlichter. 94 Min. Ab 2. August 2007 im Kino.
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