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Schmetterling und Taucherglocke


Das von Medizinern so genannte „Locked-in-Syndrom“ wünscht man seinem ärgsten Feind nicht: Es bezeichnet den Zustand, in dem ein Mensch aus physischen Gründen – meist wegen Lähmungen – nur eingeschränkt agieren kann, dabei aber bei Bewusstsein ist: Ein Mensch als Gefangener seines eigenen Körpers, unfähig, sich ohne fremde Hilfe zu versorgen und zu kommunizieren.

Der frühere Chefredakteur des französischen Modemagazins „Elle“, Jean-Dominique Bauby, hat das „Locked-in-Syndrom“ mit 42 Jahren erlitten, als er 1995 nach einem Schlaganfall vollständig gelähmt war und nur noch ein wenig den Kopf und sein rechtes Augenlid bewegen konnte. Mithilfe bloßen Blinzelns nahm Bauby Kontakt zur Außenwelt auf und lernte unter Anleitung von Krankenschwestern und Pflegern, sich zu verständigen. Baubys Überlebenswille erlaubte es ihm sogar, durch mühsames Blinzel-Buchstabieren ein kompletten Buch zu diktieren: „Schmetterling und Taucherglocke“ – auf Deutsch erstmals 1998 und nun mit Filmcover kostengünstig als Taschenbuch bei dtv erschienen – ist Baubys bewegende Autobiografie, in der er auch seine verhängnisvolle Situation ausführlich reflektiert.

Ein Buch zu verfilmen, in dem die Hauptfigur an Bett und Rollstuhl gefesselt ist und nur mehr als innere Stimme aus dem „Off“ zu erzählen vermag, ist ein Wagnis, das der Regisseur Julian Schnabel, der auch als Maler und Bildhauer stets experimentierfreudig war, mit Mut zu unkonventionellen Lösungen gemeistert hat. Die erste Hälfte der Erzählung ist konsequent aus der subjektiven Perspektive des gelähmten Bauby gefilmt: Wir sehen die Umgebung (Krankenhaus, Ärzte und Schwestern) schemenhaft verschleiert wie durch ein getrübtes Auge, mal grotesk verzerrt, mal matt konturlos, bis sich die buchstäblich lichten Momente häufen, weil derjenige, durch dessen Auge(n) wir wahrnehmen, sich offenkundig an die eingeschränkten Verhältnisse gewöhnt.

Der Kunstgriff der subjektiven Kameraführung in einem Spielfilm wurde in ähnlicher Intensität – von den Videoblicken in 'Blair Witch Project' (1999) einmal abgesehen – letztmalig im 1946er-Film-Noir 'The Lady in the Lake' ('Die Dame im See') praktiziert, wo die „Hauptfigur“, der Detektiv, allenfalls als Spiegelbild zu sehen ist. Die daraus resultierende „verkrampfte, klaustrophobische Erfahrung“, von der der US-Filmhistoriker James Monaco schreibt, war für den Detektivfilm nicht zwingend und insofern kaum angemessen. Bei Julian Schnabel wirkt es kongenial, um dem Zuschauer das Martyrium des Gelähmten, der die Geschehnisse begreift und sich seinen Teil dazu denken (aber eben nur denken, nicht klar aussprechen) kann, nahezu körperlich nachempfinden zu lassen.

Zwar erweitert sich der Blickraum der Kamera im weiteren Verlauf der Handlung in dem Maße, wie Bauby sich Stückchen für Stückchen in seine neue Situation als Behinderter einlebt, doch bleiben wir stets ganz nah bei ihm und hören stets aus dem „Off“ seinen Gedankenfluss. Aus dem Kontrast zwischen dem, was die Pflegerinnen und Angehörigen Bauby sagen und dem, was er selbst gerade denkt, hat Drehbuchautor Ronald Harwood ('Der Pianist', 2001) eine Menge komischer Momente gezogen, so dass der Film überraschend viel sarkastischen Witz versprüht. Bissige, innere Kommentare Baubys über seine Gesprächspartner wechseln mit nostalgischen Reflektionen.

In Baubys Zustand gerinnen erinnerte Momente, die man gemeinhin ein kleines Glück nennt, zu den größten Augenblicken seines Lebens: Das blonde Haar seiner Frau, wie es im Fahrtwind hin- und herflattert; die Sehnsucht nach Berührungen ihrer Haut, ein Lächeln seiner Kinder. Bauby bzw. Regisseur Schnabel beschreiben eindringlich, dass die Grenzenlosigkeit der eigenen Fantasie die größte Fähigkeit des Menschen ist. Bauby, der gegenüber seiner Frau nun die langjährige Geliebte nicht mehr verheimlichen kann und hilfloser ist als sein greiser Vater, erkennt schmerzlich, was abzüglich der körperlichen Unversehrtheit wirklich in seinem Leben zählt und versucht, so gut es eben geht, aus seiner Beschränktheit auszubrechen. Damit steht er in der Tradition der anderen Helden aus den früheren Filmen des Regisseurs in 'Basquiat' (1996) und 'Bevor es Nacht wird' (2000), deren stilistische Raffinesse Schnabel (geboren 1951) hier noch einmal weit übertrifft. Max-Peter Heyne

F/USA 2007 (Le Scaphandre et le Papillon/The Diving Bell and the Butterfly) Regie: Julian Schnabel. Buch: Ronald Harwood. Mit: Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Marie-Josée Croze, Anne Consigny, Max von Sydow, Marina Hands, Patrick Chesnais, Jean-Pierre Cassel, Isaach de Bankolé. Prokino. 112 Min. Ab 27. März 2008 im Kino.

 

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