Home

 

Sabah - Eine Liebesgeschichte


Nein, ein Besuch im Schwimmbad ziemt sich nicht für ein junges muslimisches Mädchen. Sich halbnackt den Blicken der Männer zu präsentieren, ist absolut ausgeschlossen.

Auch nicht, wenn die Familie schon lange nicht mehr im mittleren Osten wohnt und in Kanada die Uhren etwas anders ticken. Das zumindest steht für Majid, den ältesten Sohn der Familie und seit dem frühen Tod des Vaters auch deren Oberhaupt, felsenfest. So felsenfest, wie wir als Zuschauer wissen, dass es der pfiffigen Nichte ohne Mühe gelingen wird, das Verbot auf ihre Weise zu umgehen.

Im Prinzip ist in dieser Eröffnungsszene das Konfliktpotenzial des Films bereits klar umrissen: Jeff Seymour gibt hier als Majid den etwas verloren wirkenden Repräsentanten des halb-modernen Muslimen, der sich nach und nach aus Überforderung in einen etwas zu starr daher kommenden Traditionalismus verstrickt. Und das kann man dieser Figur auch irgendwie gar nicht übel nehmen. Sieht er sich doch in der Pflicht, neben der Leitung des väterlichen Unternehmens auch noch den Familienbetrieb bis ins Detail zu organisieren – inklusive der eigenen Frau, der etwas tüddeligen Mutter, den zwei Schwestern und besagtem Wirbelwind. Klar, dass das auf die Dauer nicht gut gehen kann.

Was Sabah, die erst zweite Kinoproduktion der 32jährigen Regisseurin, aber vor allem sehenswert macht, ist die Tatsache, dass es hier gelingt, die in jedem Augenblick spürbare Kluft zwischen den Anforderungen eines modernen Lebens in Toronto und den religiösen Traditionen nie zu einem platten Konflikt zwischen Jung und Alt, Mann und Frau oder Arabisch und Kanadisch werden zu lassen. Schwarz-Weiß-Malerei findet im Kino derzeit woanders statt.

Denn wer kurz darauf etwas verschämt in einem noch menschenleeren Schwimmbad auftaucht und im Verlauf des Films Stück für Stück die persönliche Freiheit entdeckt, ist Majids Schwester Sabah. Und die ist mit vierzig Jahren nur wenig jünger, zumindest innerhalb der Familie nur wenig selbstbewusster und mit ihrer traditionellen Pflicht, sich aufopferungsvoll um ihre eigentlich noch ganz fidele Mutter zu kümmern, fast ebenso unglücklich wie ihr überforderter Bruder.

Die Vielzahl der kleinen Stufen bis zur persönlichen Unabhängigkeit, die Sabah im Kampf um ihre erste Liebe erklimmen muss, ist dabei ebenso immens wie der Genuss, dieser eigentlich eher wohltuend schmucklos bebilderten Emanzipationsgeschichte beizuwohnen. Wie sich Sabah etwa in der Umkleidekabine vor dem Spiegel überlegt, wie viel von ihrem Haaransatz sie beim Treffen mit der Zufallsbekanntschaft aus dem Schwimmbad zeigen soll, darf oder gar muss, spielt die Hauptdarstellerin Arsinée Khanjian mit einer unglaublich authentischen Unsicherheit; zwischen dem Wunsch zu gefallen und der aus westlicher Sicht absurden Angst, dabei auch ja nicht zu weit zu gehen.

Wie schwer Sabah die kleinen Übertretungen der strengen religiösen Regeln dabei fallen, ohne dass ihr Gegenüber davon etwas ahnt, das sind einfach sehr schöne und wahrhaftige Kinomomente. Am Ende mag man vielleicht etwas überrascht sein, wie leicht und problemlos sich sämtliche Schwierigkeiten plötzlich in Rauch auflösen, doch tut das Sabah nach so vielen spannenden Einblicken in die weibliche Psyche und in kulturelle Gepflogenheiten, garniert mit einem großen Schuss Romantik, ganz sicher keinen Abbruch. AW

CND 2005 (Sabah) Regie und Buch: Ruba Nadda. Mit: Arsinée Khanjian, Shawn Doyle, Fadia Nadda, Jeff Seymour, Kathryn Winslow, David Alpay, Roula Said. Alamode. 86 Min. Ab 4. Mai 2006 im Kino.