Es ist schon Tradition geworden, dass man bei jedem neuen vollanimierten Spielfilm die Steigerungen hinsichtlich der technischen Möglichkeiten herausstreicht, betont, wie perfekt man mittlerweile Haare, Wasser, Bewegungsabläufe programmieren und somit den Zuschauer in Entzücken versetzen kann.
Insbesondere bei den kreativsten Köpfen dieser Branche, dem Produktionsteam der Pixar Studios, werden die Superlative so inflationär gebraucht, dass nach jedem neuen Film keine Verbesserung mehr möglich scheint – bis der neue Film vom nächsten abgelöst wird und eben nicht mehr der neueste und damit technisch perfekteste ist.
Und dennoch kann man nicht umhin, sich auch bei Ratatouille wieder mit Superlativen zu überschlagen, denn Brad Birds (Die Unglaublichen – The Incredibles) neuester Pixar-Streich schlägt in visueller Hinsicht so viele neue, interessante Pfade ein, dass so mancher der Vorgänger im Vergleich dazu wirklich wie Schnee von gestern wirkt.
Geschildert wird der Film aus der Perspektive einer Ratte, Remy, die sich durch ihr feines Näschen in der Kolonie ihres Vaters angenehm hervortut. Aber Remy ist der Alltag des Rattenlebens zuwider. Viel lieber wäre er ein Feinschmeckerkoch wie sein großes Vorbild, der Gourmet Gusteau. Als es Remy durch einen Zufall in die Küche von Gusteaus Restaurant verschlägt, kreuzt sich dort sein Weg mit dem des tumben Küchengehilfen Linguini. Dieser hat keine Ahnung von Kochlöffel und Kräutergarten und macht aus der Tagessuppe eine ungenießbare Brühe.
Ratte Remy hingegen weiß mit wenigen Handgriffen, das Desaster in eine Leckerei zu verwandeln, die dem schwindenden Ruf des Gourmettempels wieder auf die Beine hilft. Alle vermuten, dass Linguini der Urheber der neuen Kreation ist, was den Jungen vor große Probleme stellt. Wenn er nicht mit der Ratte gemeinsame Sache macht, wird sein neuer Job schon bald wieder Vergangenheit sein.
Die größte Innovation von Ratatouille dürfte darin liegen, dass man ihn kaum mehr als Animationsfilm im klassischen Sinne begreifen darf. Nicht nur die Möglichkeit, so ziemlich alles fotorealistisch darzustellen, ist dafür verantwortlich. Ratatouille versucht mit einer unglaublichen Perfektion, die Szenenfolge eines Live-Action-Films zu imitieren und auf das Genre der CGI-Animationen zu übertragen. Deswegen dürfte es sich hierbei um einen der ersten Trickfilme handeln, für die zwei Directors of Photography engagiert wurden, die sich um Kameraführung und Beleuchtung zu kümmern hatten.
Eigentlich gibt es beim Zeichentrickfilm ja keine Kamera, erst recht nicht mehr, seit die Einzelbilder komplett im Rechner erzeugt werden. Aber in Ratatouille nun wurde ein Hauptaugenmerk darauf gerichtet, verschiedene, oft subjektive Kameraeinstellungen zum Teil der Geschichte zu machen, dem Film damit eine überbordende Rasanz zu verleihen und köstliche Gags daraus zu schöpfen. So schaut man mit Remy durch den Boden eines Einmachglases auf die Seine oder bewundert das künstliche Spiel der Lichtreflexe auf den morgendlichen Pariser Straßen, die diese wahrlich wie gefilmt wirken lassen.
Doch technische Innovationen allein machen natürlich bei Weitem noch keinen guten Film. Dessen sind sich aber nicht zuletzt die Pixar-Künstler voll bewusst und verwenden jahrelange Arbeit in die Entwicklung der Geschichte und ihrer Gags. Und das merkt man dem Ergebnis in jeder Minute an. Ratatouille ist mit 118 Minuten Spielzeit für einen Animationsfilm ungewöhnlich lang, aber genauso wie bei Die Unglaublichen fällt das nicht im mindesten negativ auf, weil der Film mit Ideen und witzigen Details voll gepackt ist, man aber andererseits nicht übersättigt wird.
So kann sich die im Film die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einer kulinarischen versierten Ratte und einem menschlichen Einfaltspinsel ungestört entfalten. Gleichzeitig bietet er den Raum für eine ganze Reihe skurriler Nebenfiguren und auch in der liebevoll gestalteten deutschen Synchronfassung wird er die Herzen der Animationsfans aller Alterstufen höher schlagen lassen. FB USA 2007. Regie und Buch: Brad Bird. Sprecher: Axel Malzacher, Stefan Günther, Gudo Hoegel, Donald Arthur, Elisabeth von Koch, Manuel Straube. Walt Disney. 118 Min. Ab 3. Oktober 2007 im Kino.
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