Die junge Schriftstellerin Judith Hermann, deren Arbeit von Hellmuth Karasek als der „Sound einer neuen Generation“ gelobt wurde, hat mit ihren Kurzgeschichten schon international Aufmerksamkeit erregt.
Im Jahr 2001 wurde der 31jährigen Autorin der renommierte Kleist-Preis verliehen, ihr Debüt, der Erzählband „Sommerhaus, später“ wurde in siebzehn Sprachen übersetzt. Nun hat sich Martin Gypkens der Vignetten Hermanns filmisch angenommen.
Auch Gypkens hatte direkt mit seinem Debütwerk Wir Aufsehen erregt, wurde dafür u.a. mit dem Regieförderpreis des Max-Ophüls-Festivals ausgezeichnet. In diesem komplexen Ensembledrama, das den Alltag der Mitzwanziger realitätsnah und frisch schilderte, konnte der Filmemacher bereits sein dramaturgisches Geschick offenbaren, mehrere verschiedene Handlungsstränge nebeneinander her laufen zu lassen und dabei ein rundes Gesamtwerk zu schaffen. In den Geschichten Judith Hermanns dreht sich alles um die Sinnsuche junger Menschen um die 30, worin Gypkens zu Recht eine Art Fortführung der Schicksale seiner Figuren aus Wir erkannte, nun reifer und ruhiger geworden, aber deswegen nicht weniger orientierungslos.
Fünf Geschichten, die sich allesamt ums Reisen und um die Liebe drehen. Ein Paar (Maria Simon & August Diehl) auf einem Trip quer durch die USA, bei dem die Stille und Weite der Landschaft das Seelenleben der Reisenden zu spiegeln scheinen. Zwei Freundinnen (Brigitte Hobmeier & Jessica Schwarz) auf Jamaika beim Ex-Freund der einen, zwischen nahendem Hurrikan und sexueller Begehrlichkeiten. In Island besucht Jonas (Wotan Wilke Möhring) mit seiner besten Freundin Irene (Ina Weisse) deren Jugendfreund, und vor der Kulisse des polaren Eises ordnen sich die Beziehungen neu.
Marion (Fritzi Haberlandt) macht Urlaub in Venedig und trifft dort ihre Eltern, mit denen sie kaum Gemeinsamkeiten hat – die Begegnung mit einem Fremden heizt die Situation zusätzlich auf. Und auch in Deutschland wird gereist: Caro (Karina Plachetka) verschlägt es zu ihrer einstigen WG-Genossin Ruth (Chiara Schoras) von Berlin in die Provinz, wo Ruth Theater spielt. Deren neuer Freund Raoul (Stipe Erceg) findet Caro plötzlich viel interessanter.
Die Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Geschichten werden durch die Bündelung und Verschachtelung in ihrer filmischen Adaption auf elegante Weise herausgestrichen. Für Martin Gypkens stellt das Reisen in Judith Hermanns literarischen Vorlagen das Gleiche dar, wie die Partys in seinem Debütwerk Wir: die Flucht vor Verantwortung und das Verdrängen zwischenmenschlicher Probleme. Deswegen begegnen wir in Nichts als Gespenster gleich einer ganzen Reihe Figuren, die in Sprachlosigkeit gefangen sind oder, ganz im Gegenteil, durch permanentes Geplapper auffallen. Beide Extreme sind Methoden, die eigene Ratlosigkeit zu kaschieren.
Gypkens hat sich dafür entschieden, die fünf einzelnen Kurzgeschichten in seinem Film nicht episodisch aneinanderzureihen, sondern genau wie in seinem vorangegangenen Werk aufzusplitten und bunt gemischt wieder zusammenzusetzen. Auf diese Weise gelingen ihm nicht nur wundervolle Parallelmontagen (das Abendessen, die Eskalation der Ereignisse, die Abreise), die eben jene Gemeinsamkeiten zu unterstreichen helfen, sondern auch für die Spannungsdramaturgie erweist sich diese Entscheidung als der richtige Schritt. Manchmal sind es nur sekundenkurze Augenblicke, in denen wir in eine Geschichte hineinspähen können, bevor uns der Schnitt herausreißt und in ein anderes Land zu anderen Figuren katapultiert.
Hatte Gypkens in Wir noch überwiegend mit Neulingen der Schauspielszene gearbeitet, konnte er für seinen zweiten Film die Crème de la Crème der aktuellen Jungstars vor der Kamera versammeln. Auch wenn ihm nun zum zweiten Mal in Folge ein perfektes Ensemblestück in beeindruckend präziser Dramaturgie gelungen ist, könnte es umso interessanter werden, wenn sich Martin Gypkens für sein nächstes Projekt auf eine überschaubarere Menge an Protagonisten beschränken würde. FB
D 2007. Regie und Buch: Martin Gypkens. Mit: Maria Simon, August Diehl, Brigitte Hobmeier, Jessica Schwarz, Sólveig Arnarsdóttir, Wotan Wilke Möhring, Karina Plachetka, Janek Rieke, Stipe Erceg, Chiara Schoras. Senator. 119 Min. Ab 22. November im Kino. Ab 29. November 2007 im Kino.
> FILMSTART-Thema: Martin Gypkens im Interview
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