Manchmal erzählt ein Detail mehr über das große Ganze als ein zusammenhängender Geschichtsentwurf. Wie dieses Haus in Jerusalem.
Bis 1927 gehörte es Palästinensern, dann ging es in den Besitz von Israelis über. Das ist bis heute so. 1980 besuchte der israelische Filmemacher Amos Gitai das Haus zum ersten Mal und machte einen Film darüber, 1998 kehrte er mit der Kamera zurück. Damals, vor acht Jahren, lernte er die palästinensische Familie Dajani kennen, die ehemaligen Eigentümer des Hauses, nun – im letzten Teil seiner Trilogie – sucht er sie wieder auf.
Es ist ein von der Geschichte zersprengter Verbund, ein Teil wohnt noch in Jerusalem wie Dr. Dajani, wohlhabend, gebildet, ein anderer unter kärglichen Bedingungen auf dem Land. Und dann ist da noch die mondäne Verwandte im jordanischen Amman, eine 80jährige Frau mit wachen Augen, die ihre Wohnung in einen orientalischen Traum verwandelt hat und nach 1948 nur noch zweimal in Jerusalem war. Fotos werden herumgereicht, Erinnerungen wachgerufen, der Schmerz sitzt tief.
An dem Haus wird inzwischen weitergebaut, eine in der Türkei geborene Jüdin lebt jetzt dort, ihr Vater war Uhrmacher in Deutschland und hat die Uhren in türkischen Moscheen repariert. Sie ist sich des geschehenen Unrechts bewusst und sagt wie zur Entschuldigung: Es ist die Geschichte, ich habe sie nicht gemacht.
Amos Gitai spannt einen ganzen Horizont von zerrissenen Biografien über dieses unscheinbare Jerusalemer Haus und moderiert souverän und klug die verschiedenen Stimmen seiner heutigen und ehemaligen Bewohner. Der Kommentar, mit dem er bisweilen seine Bilder belegt, ist mehr ein Selbstgespräch, so als wolle er sich seiner eigenen Position vergewissern im Zwiespalt der beiden Seiten. Denn längst geht es nicht mehr um richtig oder falsch – irgendwie haben alle Recht, die zu Wort kommen, und genau das, so scheint es, ist das Problem dieses Landes und seiner Geschichte. MS
ISR/B/F 2006. Buch und Regie: Amos Gitai. Kamera: Haim Asias, Nurith Aviv. Schnitt: Isabelle Ingold. (O.m.U.) mecfilm. 97 Min. Ab 7. September 2006 im Kino. |
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