
Ende der 70er Jahre wird Ashoke Ganguli (Irrfan Khan) in Kalkutta in ein Zugunglück verwickelt, das sein Leben schicksalhaft prägt und ihn mit dem russischen Schriftsteller Gogol verbindet.
Gemeinsam mit seiner Frau Ashima (Tabu) begibt er sich in die USA, wo er auf Arbeit und Wohlstand hofft. Damit beginnt ein bunter Reigen der Gegensätze, in dem Regisseurin Mira Nair anfänglich den Wechsel aus dem sonnigen Indien ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten frostig gestaltet: Das junge, bengalische Paar friert bei Tauwetter im unterkühlten Paradies und wird erst langsam mit dem Land und seinen Sitten warm. Die beiden wurden über eine arrangierte Hochzeit verkuppelt, und so benötigt die Beziehung ebenso wie das Verhältnis zur neuen Heimat seine Zeit, um Vertrauen und Liebe wachsen zu lassen.
Über drei Jahrzehnte beobachtet Mira Nair in angenehm straffer Kurzweil die Familienbande, die sich in einem Vorort New Yorks ansiedelt. Ihr Hauptaugenmerk richtet sie dabei auf Ashima, die sich vom scheuen Mädchen zur selbstbewussten Frau entwickelt. Gleichfalls im Fokus bleibt die Entwicklung ihres Sohnes (Kal Penn), der in den Staaten geboren wird, dort aufwächst und dabei immer wieder mit seinen Wurzeln konfrontiert wird, mit denen er zunehmend trotzig fremdelt. Mit Joint und Hardrock rebelliert Gogol, wie ihn sein Vater einst in Andenken an sein Vorbild getauft hat, gegen die exotischen Ansichten seiner Familie. Verwandtschaft und Kultur sind ihm fremd, auch bei einem Besuch in Indien, wo ihn lediglich das prächtige Taj Mahal beeindruckt und inspiriert…
Zwei Generationen einer Einwandererfamilie bilden das Fundament für ein Immigrantendrama, dem Mira Nair nicht nur tragische Töne, sondern auch viele humorvolle Seiten abgewinnt. Viele Vorurteile münden im Heiteren, nie aber im Komödiantischen, und das macht dieses Drama so wundervoll menschlich. Mit zurückgenommenem filmischen Aufwand erzählt Mira Nair mal munter, mal nostalgisch von Identitätsverlust, Entwurzelung und von der Selbstverwirklichung in der Fremde. Ganz anders als man es beispielsweise von Hollywood gewohnt ist, zaubert sie dabei eine unpathetische, einfühlsame Ode an die Familie als ein von Rissen und Brüchen begleiteter Zusammenhalt.
Beim Zusammenprall zweier so unterschiedlicher Kulturen verliert sich die Regisseurin dennoch nicht in Allgemeinplätzen. Mira Nair greift nur insoweit auf Klischees zurück, als dass sie diese der literarischen Vorlage von Jhumpa Lahiri entnimmt, die autobiografisch auf eigenen Erlebnissen fußt. So wirken weder Gogols respektbefreite amerikanische Freundin noch die Heiratspläne der Eltern für ihre Kinder schablonenhaft.
Zwei Kulturen prallen aufeinander, ohne dass eine Wertung stattfindet. Auch wenn der indische Hintergrund eher konservativen Traditionen verhaftet ist und der amerikanische den Freiheitsdrang verkörpert – Nair richtet nicht und verneigt sich damit vor der literarischen Vorlage. Verlust und Zugewinn loten sich hier aus. Es geht nicht um Gut oder Schlecht. Nair interessieren die Menschen, die sich arrangieren, mal überfordert, mal souverän. Die Kulturen sind präsent, bilden aber nur das Gerüst für eine Geschichte, in deren Zentrum das Individuum steht. Und Mira Nair erzählt davon, wie das Individuum mit „Gut“ und „Schlecht“ umzugehen versteht. HE IND/USA 2006 (The Namesake) Regie: Mira Nair. Buch: Sooni Taraporevala. Mit: Kal Penn, Tabu, Irrfan Khan, Jacinda Barrett, Zuleikha Robinson, Sahira Nair. Fox. 122 Min. Ab 7. Juni 2007 im Kino.
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