
Der britische Theaterregisseur Sam Mendes hat es 1999 mit American Beauty vorgemacht und einen respektlosen und gleichermaßen ehrlichen Blick hinter die heile Welt der gehobenen amerikanischen Mittelschicht geworfen.
Seitdem sind die kleinen, unspektakulären und psychologisch tief schürfenden Charakterdramen zu einem festen Bestandteil im US-Kino geworden. Todd Field, der mit seinem Langfilmdebüt In the Bedroom 2001 direkt international für Furore sorgte, hat mit Little Children nun eine atmosphärisch ganz ähnlich angelegte Geschichte erzählt, die auf einem Roman Tom Perrottas basiert. Sarah (Kate Winslet) lernt auf dem Spielplatz ihrer kleinen Tochter Lucy den gut aussehenden Brad (Patrick Wilson) kennen, der dort auf seinen Sohn aufpasst. Die anderen Mütter vor Ort tratschen bereits seit Monaten über den fürsorglichen Vater, den sie als „Prom King“ titulieren, haben aber noch nie den Mut aufgebracht, ihn auch nur wegen der kleinsten Belanglosigkeiten mal persönlich anzusprechen. Sarah geht da weit beherzter ans Werk, und schon bei der ersten kurzen Kontaktaufnahme zwischen den beiden knistert es heftig. Bald darauf beginnen die beiden hinter dem Rücken ihres jeweiligen Ehepartners eine Affäre miteinander.
Die Heile-Welt-Idylle in der Einfamilienhaus-Siedlung wird zusätzlich angekratzt, als der wegen unsittlichen Entblößens vor Kindern verurteilte Exhibitionist Ronnie McGorvey (Jackie Earle Haley) wieder entlassen wird und ausgerechnet in diese Nachbarschaft voller Kleinkinder zieht. Aufgebrachte Eltern schließen sich zu Selbsthilfegruppen zusammen und verhindern damit gezielt die Resozialisierung des Straftäters. Ronnies Mutter (Phyllis Somerville) scheint die einzige zu sein, die nach wie vor zu ihrem Jungen hält und die diffamierenden Schmierereien an ihrem Haus stoisch über sich ergehen lässt.
Tom Perrotta hat zwar auch zusammen mit Regisseur Todd Field das Drehbuch zu Little Children geschrieben, sich aber trotzdem weit von seinem Roman entfernt und etwas völlig Eigenständiges geschaffen. Insbesondere die gelegentlich eingeflochtene Erzählstimme erinnert an den literarischen Ursprung.
Der Film wird über weite Strecken getragen vom faszinierend feinfühligen Spiel seiner Darsteller, die ihren Charakteren auch in ihren Fehlern Wahrhaftigkeit einhauchen. Besonders beeindruckend agiert hierbei der ehemalige Kinderstar (!) Jackie Earle Haley (Die Bären sind los), der mit seiner Rolle als Exhibitionist eine Oscar-Nominierung einheimsen konnte und dem nach über zehnjähriger Schauspielabstinenz hier ein grandioses Comeback gelang. Aber auch die Schauspieler, die hinter die bröckelnde Fassade der kleinstädtischen Routineehen blicken lassen und das Ausbrechen und die sexuelle Emanzipation ihrer Figuren darstellen, sind hervorragend geführt. Die britische Ausnahmemimin Kate Winslet konnte damit bereits ihre sechste Oscar-Nominierung in elf Jahren für sich verbuchen. Jennifer Connelly setzt Akzente als hintergangene Ehefrau Kathy, die als Dokumentarfilmerin Erfolge feiert und ihren Ehemann damit unbeabsichtigt diskreditiert. Diesen gibt Patrick Wilson (Hard Candy) mit zerbrechlicher Emotionalität und überzeugendem Sex-Appeal.
Little Children ist in seiner Stimmung, seiner Erzählweise und seiner Schauspielführung so unamerikanisch wie nur möglich, erzählt aber dennoch typisch amerikanische Geschichten von universellem Interesse. FB
USA 2006. Regie und Buch: Todd Field. Buch: Tom Perrotta. Mit: Kate Winslet, Patrick Wilson, Jennifer Connelly, Jackie Earle Haley, Noah Emmerich, Gregg Edelman. Warner. 130 Min. Ab 26. April 2007 im Kino.
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