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Last Days


Im Vorfeld war schon viel zu hören über Gus Van Sants neues Projekt. Die letzten Tage von Kurt Cobain solle er behandeln, und von einem großen Meisterwerk war die Rede.

Ersteres trifft nur bedingt zu, letzterem kann man sich ohne weiteres anschließen: Kurt Cobain kommt in Van Sants Film nicht vor. Stattdessen sehen wir einen gewissen Blake, doch die Parallelen zu dem Sänger und Bandleader der Band Nirvana sind unverkennbar. Blake ist ein heruntergekommener Rockstar und wohnt in einem großen, ebenso herunter gekommenen Landsitz. In den ersten Szenen des Films sehen wir Blake im Nachthemd ziellos durch einen Wald streifen, wirr vor sich hin brabbelnd. Parallel zum Originalton wird die Szene aber von mehr oder weniger präsenten Nebengeräuschen begleitet, die nicht dem sichtbaren Geschehen zuzuordnen sind. Van Sant erzählt von Blakes letzten Tagen, in denen er anscheinend in Bezug auf Erfolg auf dem Höhepunkt seiner Karriere ist, physisch und psychisch allerdings nur noch einer Hülle gleicht.

Wie bereits in seinem letzten Film Elephant über ein Massaker an einer Schule erzählt Van Sant seine Geschichte nicht linear, sondern in Episoden, die sich erst nach und nach vom Zuschauer zu einem Gesamtbild zusammen setzen lassen. Dabei wirbelt er nicht nur die Chronologie durcheinander, was seit Christopher Nolans Memento und anderen jüngeren Attacken auf die klassische Erzählform fast zum guten Ton des ambitionierten Mainstreamkinos gehört, ebenso oft aber auch zum reinen Manierismus gerät.

Gus Van Sants Erzählform kann mehr, als den Zuschauer linkisch narren. Denn nicht nur die Chronologie wird ausgehebelt, sondern die Episoden überschneiden sich, so dass bestimmte Momente mehrmals im Film auftauchen, allerdings durch eine verschobene Perspektive in einen anderen Kontext gestellt werden.

Die akustische Verdoppelung der Szenen und ihre zeitliche wie perspektivische Aufsplitterung sind neben einer konzentrierten Kameraarbeit und einem dezenten, surrealen Humor sicherlich die hervorstechendsten Merkmale von Last Days. Mit diesen Mitteln wagt der Regisseur eine ganz eigene Darstellung von psychischer Verzerrung, die auf neuartige und erstaunlich intensive Weise eine psychische Krankheit bzw. von Drogen geprägte Wahrnehmung illustriert. Die Konzentration darauf gelingt umso besser, weil sich der Film weitgehend von einer tragenden Handlung entfernt.

Mit letzterem entscheidet sich Van Sant nicht nur für einen weiteren radikalen ästhetischen Kunstgriff, sondern damit wird er wohl auch relativ nah an den wirklichen letzten Tagen von Kurt Cobain liegen, der vor seinem Tod alleine in seinem Haus dahin vegetierte. Die im Film vorkommenden Versuche, ihn telefonisch zu erreichen, sind verbürgt, auch der Tod im Gartenhaus.

Aber Van Sant ist trotz dieser realistischen Momente nicht an einer Nacherzählung und schon gar nicht an neuen Spekulationen über den Tod des Sängers gelegen. So taucht die viel gescholtene Ehefrau Courtney Love in diesem Film gar nicht auf. Eher geht es um Empathie für diese tragische, depressive wie romantische, faszinierende wie lächerliche Gestalt. Das wird beim Besuch von Kim Gordon als Managerin am deutlichsten. Hier redet die Musikerin der damals mit Nirvana eng befreundeten und väterlich/mütterlich verbundenen Band Sonic Youth in einer eindringlichen Szene mit dem menschlichen Wrack Blake. Ein Versuch, ihn noch mal zu erreichen, in seiner eigenen Welt, mit Hilfe einer Provokation. „Hast Du Deine Tochter nicht angerufen?“ – „Was würdest Du ihr sagen? Entschuldige, dass ich ein lächerliches Rock-Klischee bin?“ CM

USA 2004. Regie, Schnitt und Buch: Gus Van Sant. Mit: Michael Pitt, Lukas Haas, Asia Argento, Scott Green, Nicole Vicius, Ricky Jay, Ryan Orion. (O.m.U.) Alamode. 96 Min. Ab 11. Januar 2007 im Kino.