Unsere Vergangenheit ist traurig, unsere Gegenwart tragisch. Zum Glück haben wir keine Zukunft.“ Um Kilomètre Zéro treffend zu beschreiben, reicht eigentlich dieser Satz.
Es ist Selma, Akos schöne Frau, die ihn spricht. Vor einem grauen Pariser Himmel. Dem Himmel des Exils. Den sieht man zu Beginn und am Ende des Films. Dazwischen strahlt er azurblau und ist endlos wie die Wüste darunter. Der Himmel Kurdistans.
1988: Der Irak führt Krieg mit dem Iran. Ako, der Kurde, wird in Saddams Armee gepresst. Zur Lebensgefahr an der Front gesellt sich die Schikane durch die Vorgesetzten. Als Ako den Befehl erhält, den Leichnam eines Gefallenen quer durch das Land zu dessen Familie zu eskortieren, hält er das für seinen Glückstag. Mit dem Sarg auf dem Autodach und einem misstrauischen, arabischen Fahrer an seiner Seite, beginnt die Reise durch ein geschundenes Land. Mit dem kurdischen Norden rückt dabei auch Akos Flucht immer näher.
Humor, der sich aus Bitterkeit nährt. Burlesk, wenn Ako abwägt, welches Bein er eher entbehren könne: Einbeinige dürfen nach Hause. Sarkastisch, beim Schwärmen vom friedlichen Europa: seit 40 Jahren kein Krieg. Und wenn Krieg, dann richtig: 60 Millionen Tote, wenigstens! Eine Satire jedoch ist Hiner Saleems Kilomètre Zéro nicht. Dazu ist der Film zu schön. Schmerzhaft schön. Kameraeinstellungen, die ruhig Landschaft und Licht erkunden, geduldig auf Gesichtern verharren. Bilder einer Liebeserklärung. Dem Grauen abgetrotzt. Und natürlich ist Saleems Film auch ein politischer.
35 Jahre litten die Kurden unter Saddams Terror. Am 9. April 2003 – in den westlichen Metropolen demonstriert die Antikriegsbewegung – marschieren die Alliierten in Bagdad ein. „Endlich frei!“ schreien Ako und Selma glücklich in den Pariser Himmel. Es ist der letzte Satz des Films. SG F/KURD 2005. Regie und Buch: Hiner Saleem. Mit: Nazmî Kirik, Eyam Ekrem, Belcim Bilgin, Ehmed Qeladizeyi, Nezar Selami. 96 Min. Ab 13. April 2006 im Kino. |