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KEHRAUS, wieder
Wir haben Zuschauer

Der Dokumentarfilmer Gerd Kroske hat mit 'KEHRAUS, wieder' seine Leipzig-Trilogie abgeschlossen. 16 Jahre lang begleitete er drei ehemalige Straßenkehrer von der Wende bis heute. Drei prekäre Leben zwischen einem brüchigen Frieden und dem totalen Absturz.


1990 machte Gerd Kroske in Leipzig die Bekanntschaft mit drei Straßenkehrern, Gelegenheitsarbeitern, die im ökonomischen System der damaligen DDR eigentlich nicht vorgesehen waren. Es war die Zeit der Wende, keiner wusste was kommen würde. Das Leben von Gabi, Henry und Stefan war schon immer fragil und wurde geprägt von Kinderheim- und Gefängniserfahrungen.

Kroske drehte einen Film über die Drei: 'KEHRAUS'. Aus dem eigentlich einmaligen Projekt wurde eine Langzeitbeobachtung. 1996 folgte 'KEHREIN, KEHRAUS'. Die Straßen von Leipzig wurden inzwischen von anderen gefegt. Gabi, Henry und Stefan pendelten zwischen Sozialamt, Kneipe und ihren notdürftigen Behausungen. Es war ein dünner Boden, auf dem sie sich bewegten, aber noch hielt er. Zehn Jahre später nun die dritte Bestandsaufnahme. Stefan ist nicht mehr am Leben und lag vier Monate lang tot in seiner Wohnung, bis er gefunden wurde. Henry vertreibt sich die Zeit mit Computerspielen und lebt so dahin. Und Gabi hat sich eingerichtet in einer Art kontrolliertem Alkoholismus, der sie keine großen Fragen mehr stellen lässt. Es ist das bedrückende Porträt mumifizierter Leben.

Kroske montiert altes Material aus den vorherigen Filmen mit Bildern aus der Gegenwart und zeigt ein stetiges Fortschreiten im Stillstand. Die Zeit vergeht, die Gesichter werden älter, der letzte Rest von Hoffnung auf Veränderung ist längst verschwunden. Er begleitet seine Protagonisten auf Behördengängen, die ihren Wochenablauf takten, und zeigt präzise die bürokratische Scheinverwaltung von Biografien. Er sucht nach Spuren des toten Stefan und findet sie in einem anonymen Urnengrab. Eine grüne Wiese, ohne Kreuze, ohne Namensschilder. Die Friedhofsverwalterin misst sie mit einem Meterstab aus: Ja, hier, hier müsste er ungefähr liegen.

Die Gespräche mit Henry oder Gabi bleiben oft Versuche der Kontaktaufnahme. Sie antworten einsilbig, als gäbe es nichts zu sagen. Es ist, wie es ist, es könnte schlechter sein. Als die Kamera einmal Gabi beim Essen filmt, sagt sie zu ihren Mitessern: Wir haben Zuschauer. Es klingt fast peinlich berührt. Für wen soll ihr trauriges Leben denn schon interessant sein?

Aber eine hat es geschafft, Caterina, Gabis Tochter. Ein kleines Wunder. Auch sie war im Kinderheim und wurde – wie sie enthüllt – von ihrem Stiefvater missbraucht. Sie ist trotzdem eine schöne, reflektierte Frau geworden, die sich vom Milieu ihrer Mutter komplett gelöst hat. Er habe einen Film, einen weiteren und dann noch einen gedreht, sagt Kroske, weil er sich jedes Mal einen glücklichen Ausgang gewünscht habe. Dank Caterina kann er jetzt vielleicht seinen Frieden machen. Mark Stöhr

D 2006. Regie und Buch: Gerd Kroske. Mit: Gabriele Koch, Marion Richter, Henry Radny, Marlen Dietze, Stefan Seide, Caterina Koch, Ingo Koch, Peggy Ranfeld. GMfilms. 100 Min. Ab 17. April 2008 im Kino.

 

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