Er ist besonders und sehr eigen, der jüngere cineastische Blick aus dem Norden auf die Welt und ihre Menschen. Mal entzieht er sich dänisch-rebellisch dogmatisch komplett dem filmischen Habitus. Oder aber er ist entrückt und statisch, kühl und melancholisch, zigarettenverqualmt, schnapsgetrübt und bittersüß ernüchternd.
Trauriger Alltag, Melodramen ohne Überlänge, so stilisiert arrangiert, dass sie auf einmal komisch sind. Dieser reduziert inszenierte Blick mitten ins Herz bedarf oft keiner vielen Worte, sondern vielmehr unbewegter Mienen, Gesten und kunstvoll schlichter Bildern.
Aki Kaurismäki ('Lichter der Vorstadt') vertritt eine solche nordische Perspektive seit über 20 Jahren mit seinen finnischen Delikatessen, Jens Lien präsentierte zuletzt mit seinem utopischen Anderland einen nordisch-norwegischen Beitrag. Aus Schweden grüßt nun nach seinem 'Songs from the Second Floor' aus dem Jahr 2000 einmal mehr der Werbefilmer, Drehbuchautor und Regisseur Roy Andersson mit 'Das jüngste Gewitter'.
Andersson erzählt von Menschen in einer Siedlung. Verschachtelte Episoden, die zumeist von einer statischen Kamera beobachtet werden und wie in einem Setzkasten aneinander gereiht sind. Übersichtliche Kulissen in stillstehenden Bildern, in denen sich eher ganze Häuser bewegen, bevor die Kamera es tut. Bilder, in denen Mann und Frau träumen, musizieren, sich lieben, streiten oder bloß einander beobachten. Eine launische Kellnerin und ihr bemutterter Hell’s-Angels-Lover, ein Groupie und sein Dark-Metal-Star, ein Hund, ein Dieb und ein Tubaspieler in Alltagssituationen, denen Andersson via Perspektive oder Konstellation immer wieder das Absurde abringt. Das Tolle an all der Wolken verhangenen Tristesse ist, dass der Film als Ode an die Schönheit verstanden werden darf.
Andersson verändert die Perspektive und ruft von dort wiederum zum Perspektivwechsel auf. Und so ist sein absurdes Versatzstück über allerlei Häufchen Elend am Ende nichts anderes als eine wundervoll tragikomische, phantasievolle Ode an Glück und Schönheit, an den Glauben an das gute Potenzial im Menschen und ein Appell für den richtigen Blick.
Roy Andersson hat über 300 Werbefilme auf dem Buckel. 'Das jüngste Gewitter' wirkt wie eine Aneinanderreihung vieler kleiner, kunstvoller Werbefilmchen. Eigenwillig aus dem Leben assoziierte Spots über und für das Menschsein, die wunderbar miteinander korrespondieren und in ihrer bravourös montierten Gesamtheit ein rundes und etwas anderes Kinoabenteuer bilden. Ein nordisches Kinoabenteuer. Skål! Hartmut Ernst S/D/F/DK/N 2007 (Du levande) Regie und Buch: Roy Andersson. Mit: Elisabeth Helander, Björn Englund, Eric Bäckman, Håkan Angser, Gunnar Ivarsson, Jessika Lundberg, Jörgen Nohall. Neue Visionen. 95 Min. Ab 20. März 2008 im Kino.
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