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Jesus Christus Erlöser

The audience isn’t always listening – in diesem Fall wollte das Publikum eher pöbeln und diskutieren – und erntete damit Klaus Kinskis Zorn!


Wenn mit Klaus Kinski einer der charismatischsten Schauspieler des 20. Jahrhunderts die ihm zufolge „erregendste Geschichte der Menschheit“ in einer eigenen Interpretation auf der Bühne erzählen will, ist ein Großereignis vorprogrammiert. Welcher Art dieses Ereignis sein würde, war wohl nicht vorherzusehen – wurde aber Gott sei Dank in Bild und Ton festgehalten.

Seit 1962 hatte Kinski nicht mehr auf der Bühne gestanden, als er am 20. November 1971 in der Deutschlandhalle in Berlin vor ein politisiertes und diskussionswütiges Publikum trat, das größtenteils wohl keine 10,- DM bezahlt hatte, um von einem radikalen Jesus mit „anarchistische(n) Tendenzen“ zu hören – zumindest nicht von einem reichen, aus ‚schlechten’ Edgar-Wallace-Filmen und Italowestern bekannten Schauspieler. Für die Anwesenden, die nach nur fünf Minuten die Bühne stürmten und von Kinskis Sicherheitspersonal schroff zurückgedrängt wurden, war der Friede-Freude-Eierkuchen-„Jesus Christ Superstar“ demjenigen Menschensohn vorzuziehen, der ihnen mit einer Peitsche „die Fresse eingeschlagen“ hätte.

Nach diesen ersten Zwischenrufen und Tumulten kehrt vorübergehend Ruhe ein, und man wird Zeuge der emotional intensiven Rezitationskunst Kinskis, der teils unter Tränen seine Wut über den damaligen Zeitgeist hinausschreit, nur spärlich verkleidet in Christi eigenen Beschimpfungen der Pharisäer, Priester, Kaufleute und Gesetzgeber. Die spöttischen und verständnislosen Zwischenrufe werden aber wieder lauter; ihm wird unter anderem vorgehalten, er solle diese aufgeklärten Erwachsenen nicht wie Kinder behandeln. Und immer mehr ist auch wieder Kinskis Verachtung für ein Publikum zu hören, das scheinbar zu blind, taub, abgestumpft und verblödet ist, um einfach mal zuzuhören, anstatt von anderen vorgefasste Meinungen herauszuposaunen. Letzten Endes erträgt er es nicht mehr, von ganzen Chören als Faschist bezeichnet zu werden, ganz zu schweigen von anderen Zwischenrufen, und beendet den Abend mit seinem Bedauern für die, die ihn tatsächlich hören wollten.

Aus von vier Kameras aufgenommenem 135 Minuten Rohmaterial und den Tonaufnahmen, die schon für Audioverwertungen dieses unvergleichlichen Abends verwendet wurden, hat Kinski-Nachlassverwalter und -biograf Peter Geyer etwas Einzigartiges herausdestilliert: nicht nur einen „Konzertfilm“, sondern ein beeindruckendes Zeitdokument und ein faszinierendes Porträt einer ebensolchen Persönlichkeit, die sich eben nicht aus größenwahnsinniger Anmaßung mit Christus identifiziert, sondern um der Kunst willen. Kinski wird meist in frontaler Großaufnahme gezeigt, manchmal im Profil. Jedoch gibt es auch Aufnahmen, die ihn mal als (Gegen-/Rampen-) Lichtgestalt zeigen, mal als kleinen Lichtpunkt im großen Dunkel der Halle. Das Publikum ist fast ausschließlich auditiv vorhanden – wenn es nicht gerade die Bühne stürmt. Die wenigen Zuschauer, die gelegentlich gezeigt werden, scheinen tatsächlich an Kinskis Kunst interessiert zu sein.

In einem inszenatorischen Kabinettstückchen zeigt Geyer nach dem Abspann einen aufgewühlten und erschöpften Kinski, der den noch verbliebenen Zuhörern seinen 30seitigen Text vorträgt. Inzwischen liegen seine Nerven aber so blank, dass er schon aufgrund lauter Geräusche aus der Fassung gerät. Diesmal immerhin versucht er aber zu erklären, wie schwierig es ist, diesen Text auswendig vorzutragen.

Seine Gedanken werden im Laufe des Films immer wieder in Form von Texttafeln, die seine Memoiren zitieren, eingeblendet. Kinski selbst kommentiert das fast schon besinnliche Ende des Konzertabends wie folgt: „Meine Erschöpfung ist wie weggeweht. Ich fühle meinen Körper nicht mehr. Um zwei Uhr früh ist alles zuende.“ Leider trifft der letzte Satz fast schon auf die eigentlich geplante Welttournee zu, die dann nur noch wenige Veranstaltungen umfasste. Auch seine Rezitationskarriere beendete er danach endgültig. Es bleibt zu hoffen, dass das heutige Kinopublikum bereit ist, das Bild des „geliebten Feindes“, des skandalumwitterten Wahnsinnigen zumindest in Frage zu stellen. Thomas Hemsley

D 2008. Regie und Schnitt: Peter Geyer. Buch: Klaus Kinski. Musik: Florian Käppler, Daniel Requardt. Schnitt: Konrad Bohley, Michael Dreher. Mit: Klaus Kinski. Salzgeber. 84 Min. Ab 15. Mai 2008 im Kino.

 

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