
Die Kritiker und das Publikum auf der diesjährigen Berlinale hatte Marianne Faithfull mit ihrer Darstellung der Titel gebenden Heroine in Sam Garbarskis neuem Film geradezu im Sturm erobert.
Für die meiste Zeit des großen deutschen Filmfestivals galt die Skandal umwitterte Popikone der Swinging Sixties auch als konkurrenzlose Favoritin im Rennen um den Silbernen Bären für die beste weibliche Schauspielleistung.
Dass sie am Ende hauchdünn gegen Nina Hoss in Christian Petzolds Yella verlor, lässt sich einzig durch die Unaufgeregtheit und scheinbare Emotionslosigkeit erklären, die Faithfulls Part kennzeichnet. Nichtsdestotrotz ist es aber genau dieser Minimalismus, der ihre Irina Palm zu einer faszinierenden und dem Publikum ans Herz wachsenden Filmfigur werden lässt. Man kann sich am Ende des Films kaum eine andere Schauspielerin in dieser Rolle vorstellen – Gelegenheitsmimin Faithfull scheint die einzig richtige Wahl zu sein!
Witwe Maggie (Faithfull) hat ein großes Problem, das sie Tag und Nacht beschäftigt. Ihr Enkelsohn leidet unter einer seltenen Krankheit, und die Ärzte in London sehen seine letzte Chance in einer Behandlung in Australien. Doch Geld ist knapp, denn Maggies Sohn Tom ist arbeitslos, und sie selbst hat bereits ihr Haus verkauft, um dem kleinen Olly die Krankenhauskosten zu bezahlen. Kredite will man ihr nicht mehr gewähren, einen Job bekommt sie in ihrem Alter auch nicht mehr angeboten.
Durch Zufall stolpert sie in Soho über einen Aushang, auf dem gegen gute Bezahlung jemand für einen „Hostessendienst“ gesucht wird. In ihrer Verzweiflung willigt Maggie ein, auch, nachdem sie erfahren hat, dass ihre eigentliche Aufgabe darin besteht, in dem Sexklub hinter einer anonymisierenden Wand den geilen Besuchern einen herunterzuholen. Die biedere Hausfrau wird unter dem Pseudonym Irina Palm zur Soho-Sensation, für deren Dienste die Männer Schlange stehen.
Nach seinem Erstling Der Tango der Rashevskis hat sich Regisseur Sam Garbarski mit seinem Nachfolgewerk Irina Palm in ganz neue Gefilde begeben und nach dem komplexen jüdischen Familiendrama einen Film inszeniert, der sich im Wesentlichen auf seine Titelheldin und deren persönliche Entwicklung konzentriert.
Im ersten Moment scheint die Besetzung der unschuldig in den Sex-Moloch der Großstadt taumelnden Oma mit dem It-Girl der Flower-Power-Zeit, die an der Seite der Rolling Stones auf den Partys jener Tage sicherlich nichts ausgelassen hat, wie ein Widerspruch in sich. Aber in Garbarskis Inszenierung wird Marianne Faithfull glaubhaft zu jener unscheinbaren Hausfrau, die aus der Not äußerst erfolgreich eine Tugend macht und durch ihre Erfahrungen mit dem Sex Business zu einer selbstbewussteren Frau reift.
Trotz der heiklen Thematik verzichtet der Filmemacher übrigens konsequent auf explizite Bilder, die er auch ohnehin gar nicht nötig hätte. Die Inszenierung ist durchweg eher gemächlich und unspektakulär, schöpft aber gerade aus dieser Ruhe ihre Kraft. Mit durchdacht gesetzten Fade Outs ins Schwarze beendet Garbarski seine wichtigsten Szenen, und gibt seinen Zuschauern in jenen Momenten noch einige wohldosierte Sekunden zur Reflexion mit auf den Weg. FB B/F/D/LUX/GB 2006. Regie: Sam Garbarski. Buch: Martin Herron, Philippe Blasband. Mit: Marianne Faithfull, Miki Manojlovic, Kevin Bishop, Siobhán Hewlett, Jenny Agutter, Dorka Gryllus, Corey Burke. X-Verleih. 103 Min. Ab 14. Juni im Kino.
> FILMSTART-Interview mit Marianne Faithfull
> FILMSTART-Festival-Fenster: Die 57. Berlinale 2007
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