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Inland Empire




Die Filmwelten des David Lynch verursachen im Kinogänger seit jeher widersprüchliche Gefühle: Einerseits gelingt es Lynch wie nur wenigen eine Atmosphäre des Unbehagens zu schaffen, aufgrund derer der Zuschauer sich unruhig im Sitz hin und her windet und das Kino eigentlich auf schnellstem Weg in Richtung Notausgang verlassen möchte. Andererseits ist es aber gerade die Faszination des Albtraumhaften, die ihn gebannt im Sitz hält. Selbst wenn der Trip, wie im Fall von Inland Empire ganze drei Stunden dauert.

Wie üblich beginnt alles ganz harmlos und konventionell: Die Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern) ist mit ihrem Mann gerade erst in ein nobles Anwesen gezogen, da bekommt sie Besuch von einer Nachbarin. Das freundliche Gespräch wendet sich bald zu einer unheilvollen Prophezeiung: Eine neue Aufgabe soll Unglück in Nikkis Leben bringen.

Tatsächlich bekommt sie tags darauf ein Angebot für eine lang ersehnte Hauptrolle. Nichts ahnend nimmt sie den Part an und findet sich schon bald an der Seite von Playboy Devon Berk (Justin Theroux) wieder. Am Set beginnt die Angst, das Gefühl, beobachtet zu werden. Der Regisseurs Kingsley Stewart (Jeremy Irons) offenbart ihnen, dass es sich bei dem Film um ein Remake handelt. Das polnische Original wurde aufgrund des Todes der beiden Hauptdarsteller nie fertig gestellt. Mit dem Beginn der Dreharbeiten vermischen sich Film und Realität, und Nikki irrt schon bald durch einen Albtraum aus Mord, Sex, Eifersucht und Horror.

Auch mit seinem zehnten Langfilm, der erneut mit einem Abstand von fünf Jahren zu seinem letzten Werk Mulholland Drive entstand, bleibt David Lynch anders und damit sich selbst und seinen Filmen treu. Die digitale Technik gibt ihm die Möglichkeit freier zu arbeiten. Dadurch findet er zum Experimentellen seiner Frühwerke zurück. Die gröbere Auflösung stört da nicht weiter und bringt den Schrecken nur näher zur Leinwand. Das Absurde, Un(be)greifbare ist es, was Lynchs Filme ausmacht und sich im Gesicht seiner Muse Laura Dern widerspiegelt. Sie rennt orientierungslos durch ein Kabinett aus Spiegeln und ist unser Fixpunkt: Solange sie nichts begreift, haben wir nichts verpasst. Dennoch sucht das Auge hilflos nach Mustern, Wiederholungen, Anhaltspunkten für etwas Halt in diesem rauschhaften Erlebnis. Doch alle Fragen sind überflüssig. Inland Empire hebt die Gesetze des klassischen Filmemachens auf, ist ganz Atmosphäre. Da stört es auch nicht weiter, wenn zwischendurch Polnisch gesprochen wird – ohne Untertitel.

Seinen Rahmen erfährt die filmische Grenzerfahrung durch Teile der Miniserie Rabbits, die Lynch vor vier Jahren inszenierte. Menschen in Hasenkostümen spielen hier den Familienalltag, bügeln, lesen, schauen fern und unterhalten sich in absurden Dialogen, die von Applaus und Gelächter eines imaginären Publikums kommentiert werden. Mit diesen Szenen beginnt Inland Empire, und Laura Dern wird sich gegen Ende schließlich in den Kulissen dieser „Sitcom“ wieder finden. Wieder drängt sich die Frage nach dem Sinn auf und die Antwort ist schlicht und ergreifend: Lynch. LT

USA/PL/F 2006. Regie und Buch: David Lynch. Mit: Laura Dern, Jeremy Irons, Justin Theroux, Harry Dean Stanton, Grace Zabriskie, Peter J. Lucas, Karolina Gruszka, Diane Ladd. Concorde. 172 Min. Ab 26. April 2007 im Kino.

 

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