Bob Dylan mag die Wahrheit nicht. In seiner Autobiographie „Chronicles“ kann man nachlesen, warum. Die Stunde der Wahrheit sei, so Dylan, eine schwarze: „Ödipus habe sich für die Wahrheit interessiert – und man weiß ja, was er davon gehabt hat.“ Wahrlich, ein schlagendes Argument.
Natürlich ist es herrlich paradox, in einer Autobiografie, die ja, das mal vorausgesetzt, der Wahrheit (wenigstens der subjektiven des Verfassers) verpflichtet sein sollte, einen solchen Abgesang auf die Wahrheit anzustimmen. Und natürlich passt das Paradoxe wunderbar zu Bob Dylan. Jenem Künstler, der nicht zuletzt als großer Wahrheitsprediger, als Sprecher und Galionsfigur der 60er Generation (miss-)verstanden wurde und der seit nunmehr knapp fünf Jahrzehnten – mal mehr, mal weniger – im Licht der Öffentlichkeit steht.
Todd Haynes hat nun einen Film über diesen Mann, Bob Dylan, gemacht. Einen wunderbaren Film, das sei schon mal vorausgeschickt. Einen Film, der ähnlich schwer zu greifen und zu verorten ist, wie der Gegenstand seiner Betrachtung. Und der genau so schillert, so irrlichtert und bannt.
Erzählt 'I’m Not There' die Wahrheit über Bob Dylan? Wohl schon. Aber als ein Vexierspiel, als ein Splittergeflecht aus Fakten und Legenden. Denn Fantasie und Wirklichkeit, Lüge und Wahrheit – was macht das schon für einen Unterschied? Wie in jedem anständigen Mythos, vereint sich auch im Mythos Dylan all das auf einmal. Und Todd Haynes nimmt sich die Freiheit, all das zu inszenieren. Geradezu zwangsläufig also ist da, dass Haynes Dylan gleich in sechsfacher Ausführung auftreten lässt. Sechs verschiedene Figuren, sechs verschiedene Namen – und alle sind sie Dylan. Oder genauer, eine der Masken, die Bob Dylan – bürgerlich: Robert Allen Zimmerman – in seiner langen und wechselhaften Karriere als Bob Dylan trug.
Da ist der Singer-Songwriter, der Tramp, der Ende der 50er das Land durchquert. Da ist der scharfzüngige Poet und Folksänger, der es auf der Höhe seiner Popularität zum Bruch mit der Folkgemeinde kommen lässt, als er gegen deren musikalische Reinhaltungsdogmen verstößt und bei einem Konzert mit elektrifiziertem Rock schockt. Da ist der Familienvater, der unter dem Bann der Popularität leidet. Da ist der wiedererweckte Christ, der alsbald wieder zum Judentum zurückkehrt. Und da ist der abgebrannte Wild-West-Outlaw.
Ihre Namen sind Woody, Arthur, Jude, Robbie, Jack oder Billy. Namen als Querverweise – auf Billy the Kid, Woody Guthrie oder Arthur Rimbaud etwa. Namen, aus dem Dylan-Universum. Namen, die die Substanz bildeten, aus der heraus Dylan sich immer wieder neu erfand. Und natürlich sind diese Namen Schall und Rauch. Und auch da ist es wieder von absoluter Plausibilität, dass Woody ein elfjähriger Schwarzer, Billy ein alter Westerner, oder eben, im Falle des Jude, eine Frau ist. Metamorphosen, Anverwandlungen, die Haynes mit einer Selbstgewissheit und Leichtigkeit inszeniert, die frappierend ist. Man sitzt da, reibt sich die Augen und ist verblüfft, wie verdammt gut das doch alles passt. Und sieht man dann gar die atemberaubende Cate Blanchett als Jude; wie sie sich bewegt, raucht, spricht, und schließlich auf der Bühne so intensiv singt, dass die Gänsehaut gar nicht mehr verschwinden will, weiß man endlich wieder einmal, wie wahrhaft fantastisch Kino sein kann. Gänzlich ohne Computertrick – wohlgemerkt.
Selbstredend, dass 'I’m Not There' nicht dröge chronologisch Lebensstationen abarbeitet. Das Assoziative passt zu Dylan, zu dessen Lyrik aus überbordenden Metaphern und konkreten Alltagsbeobachtungen. Folglich erzählt Haynes auch genau so. Im steten Raum-Zeitwechsel findet 'I’m Not There' seine eigentümliche Struktur. Und Dylans Musik verleiht den Rhythmus, der all das zusammenhält. Es homogen – oder anders gesagt – einfach macht. Denn so verrückt und sperrig diese Erzählstruktur sein mag – sie geht auf. Vorausgesetzt natürlich, man nimmt es einem Film nicht übel, dass er beim Zuschauer ein Minimum an narrativem Vermögen und Intelligenz einfordert. Und so erinnert einen 'I’m Not There' auch daran, dass Kino mehr ist, als Legitimation dafür, im Dunkeln Popcorn in sich reinschaufeln zu dürfen.
Steffen Georgi
USA/D 2007. Regie und Buch: Todd Haynes. Buch: Oren Moverman. Mit: Cate Blanchett, Ben Whishaw, Christian Bale, Richard Gere, Marcus Carl Franklin, Heath Ledger, Julianne Moore. Tobis. 135 Min. Ab 28. Februar 2008 im Kino.
> FILMSTART-Forum: Kino Aktuell
|
|