
In seinem neuen Film spielt Steven Soderbergh mit der visuellen Ästhetik des Vierziger-Jahre-Kinos. In perfekt ausgeleuchteten, extrem kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen erzählt er eine ebenso komplexe wie spannungsgeladene Geschichte von Liebe und Verrat. Berlin, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Jake Geismer (George Clooney) soll als Korrespondent für ein amerikanisches Magazin über die Potsdamer Konferenz schreiben und kehrt deshalb in die Stadt zurück, in der er vor Jahren gelebt hatte. Als sich herausstellt, dass sein Fahrer, der US-Soldat Patrick Tully (Tobey Maguire), ausgerechnet mit der Frau eine Affäre hat, die er selbst einst liebte, wird Jake plötzlich in eine gefährliche Spionage-Geschichte hineingezogen. Und jene Frau, Lena Brandt (Cate Blanchett), scheint darin eine entscheidende Rolle zu spielen.
Lena, eine dunkelhaarige Femme Fatale, überlebte als Jüdin den Holocaust, weil sie mit dem SS-Mann Emil Brandt verheiratet war. Der ist angeblich im Krieg gefallen, doch es gibt Hinweise, die darauf hindeuten, dass er noch am Leben sein könnte. Da Brandt in leitender Position an der Entwicklung der V2-Rakete beteiligt war, die von Zwangsarbeitern in einer entlegenen Fabrik hergestellt wurde, sind sowohl die Amerikaner als auch die Russen in hohem Maße daran interessiert herauszufinden, ob er tatsächlich noch lebt. Es beginnt ein gnadenloser Wettlauf mit der Zeit und dabei gerät Jake zwischen die Fronten einer Auseinandersetzung, in der beinahe alle Beteiligten mit gezinkten Karten spielen.
Über die packende Thrillerhandlung hinausgehend ist The Good German nichts Geringeres als ein Remake des Filmklassikers schlechthin: Casablanca. Dabei übernimmt Jake den Part des abgeklärten, aber herzensguten Helden, Lena den der zerrissenen Frau, die zwischen zwei Männern steht. Und Emil Brandt ist ein Victor Laszlo mit umgekehrten Vorzeichen – kein Widerstandskämpfer, sondern im Gegenteil ein lupenreiner Nazi, eben überhaupt kein „Good German“. Meisterlich spielt Soderbergh mit Motiven aus Michael Curtiz’ Film, wirbelt diese so lange durcheinander, bis er die Story am Schluss völlig auf den Kopf gestellt hat.
Was The Good German – abgesehen vom bunten Zitatereigen – zu einem Vergnügen macht, ist der immer wieder aufblitzende pechschwarze Humor. Nachdem Hannelore, Lenas Konkurrentin um Jakes Zuneigung, diesem erzählt hat, dass Lena im Krieg von russischen Soldaten sexuell missbraucht worden sei, fügt sie nach einer kurzen Atempause hinzu: „Das bedeutet aber nicht, dass sie etwas Besonderes ist. Die Russen haben jede vergewaltigt“.
Durch solche Szenen wird der vermeintliche Retro-Charakter von The Good German immer wieder aufgebrochen, da dem Zuschauer schlagartig ins Bewusstsein gerufen wird, dass es sich eben nicht um einen Film aus den Vierzigern handelt. Denn so genau er sich visuell der Ästhetik des damaligen Kinos annähert, so sehr spielt er auf der Handlungsebene damit, sie zu durchbrechen.
Aufgrund dieser Kontrastierungen ist The Good German denn auch mehr als nur eine Hommage an die gute alte Zeit, sondern vielmehr einer von Soderberghs besten Filmen, in dem er zur innovativen Ausdrucksstärke seines grandiosen Frühwerks Kafka zurückfindet. AR
USA 2006. Regie: Steven Soderbergh. Buch: Paul Attanasio. Mit: George Clooney, Cate Blanchett, Tobey Maguire, Beau Bridges, Tony Curran, Brandon Keener, Christian Oliver. Warner. 105 Min. Ab 1. März 2007 im Kino.
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