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Das geheime Leben der Worte


Von verlorenen Worten erzählt uns die spanische Regisseurin Isabel Coixet in ihrem neuen Film. Von Worten, die auf dem Weg vom Kopf zum Hals verloren gehen, unausgesprochen bleiben, bis jemand kommt und sie herauskitzelt.

Hanna (Sarah Polley) hat ihre Worte fast gänzlich verloren, ebenso wie ihr Gehör. In sich gekehrt klammert sie sich an ihrem Alltag fest, der Arbeit in der Fabrik, dem immer gleichen Essen, den täglichen Ritualen.

Um ihre Umwelt nicht wahrnehmen zu müssen, schaltet sie ihr Hörgerät ab und vergräbt sich in Handarbeit, die anschließend im Mülleimer landet. Hin und wieder ruft sie ihre Therapeutin an, nur um ihre Stimme zu hören – Hanna schweigt. Als sie in das Büro ihres Chefs gerufen wird, lobt man sie für ihre Arbeit, bemängelt aber ihre sozialen Kompetenzen. Ein Urlaub würde ihr gut tun. Ferien? Palmen und Strand? Hanna kann mit dieser Vorstellung nichts anfangen. Also verbringt sie schließlich ein paar Tage in einer irischen Hafenstadt. Dort ist sie wenigstens sicher vor Sonne und Spaß.

Als sie in einem Pub zufällig ein Gespräch belauscht, beginnt sie schließlich doch zu sprechen. Auf der benachbarten Bohrinsel gab es einen Unfall, und eine Krankenschwester wird benötigt. Ein willkommener Ausweg aus der Freizeit, also bietet sich Hanna an. Der Stahlkoloss steht still, die Zukunft der siebenköpfigen Crew ist ungewiss. Unter ihnen Dimitri (Sverre Anker Ousdal), der die Geschäfte lenkt, der Meeresbiologe Martin (Daniel Mays), der die Wellen zählt und von dem keiner so richtig weiß, was er eigentlich für eine Funktion hat, und der Koch Simon (Javier Cámara).

Er verwöhnt die anderen täglich mit einer kulinarischen Köstlichkeit, zu deren Zubereitung er immer einen Schlager aus dem jeweiligen Land auflegt. Niemand an Bord weiß seine Kunst zu schätzen – bis auf Hanna. Durch den Magen gelingt es Simon als erstem zu ihr durch zu dringen. Schließlich lernt Hanna ihren Patienten Josef (Tim Robbins) kennen. Mit schweren Brandwunden übersät und vorübergehend erblindet, versucht er mit Scherzen und Zynismus eine Brücke zur Außenwelt zu schaffen und seine eigenen Schmerzen zu verbergen. Bei der wortkargen Hanna stößt er damit zunächst gegen eine Wand. Doch der Schutz der Blindheit ihres Gegenübers und die Intimität, die sich beim Waschen, Füttern und Pflegen automatisch einstellt, brechen schließlich das Eis. Und wenn der Anfang einmal getan ist, dann gibt es kein Halten mehr.

In Isabel Coixets letztem Film Mein Leben ohne mich war die Protagonistin unfähig, über ihren herannahenden Tod zu reden. Auch Hanna fehlen die Worte, um das Erlebte zu verarbeiten. Erneut wird die Verstummte von der Kanadierin Sarah Polley verkörpert und von Coixet auf ihre Person zugeschnitten. Es gelingt der Ausnahmeaktrice, allen Facetten ihrer Rolle eindrucksvoll Ausdruck zu verleihen und die Wandlung vom Geist zur liebenden Mutter nachvollziehbar zu machen.

Zu verdanken ist dies aber auch Isabel Coixets feinfühliger Regie. Ihre Bilder wirken zu Beginn vielleicht zu still, das Tempo möglicherweise allzu schleppend. Doch nachdem die Worte ihr geheimes Leben offenbart und ihren Weg ans Tageslicht gefunden haben, wird einem bewusst, welchen Sinn diese behutsame Erzählweise hat. Ein wundervoller, poetischer Film, der noch lange nachwirkt. LT

E 2005 (La Vida Secreta de las Palabras) Regie und Buch: Isabel Coixet. Mit: Sarah Polley, Tim Robbins, Javier Cámara, Eddie Marsan, Sverre Anker Ousdal, Julie Christie. 112 Min. Ab 27. April 2006 im Kino.