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Full Metal Village




Als die in Deutschland lebende, südkoreanische Cutterin Sung-Hyung Cho im Jahre 2004 von einem weltberühmten Heavy-Metal-Festival erfuhr, das alljährlich zehntausende Fans ins schleswig-holsteinische Flachland lockt, fasste sie den Plan, über dieses Open Air ihre erste eigene Dokumentation zu drehen.

Bei ihren Recherchen stellte sie fest, dass der Ort des Geschehens – das 2.000-Seelen-Dorf Wacken, zwölf Kilometer nordwestlich von Itzehoe – und seine Bewohner ein weitaus attraktiveres Thema sein würden als das Metal-Festival selbst.

Die Entscheidung zur thematischen Ausweitung erwies sich als goldrichtig, denn Cho, die früher dachte, „dass Deutschland hinter Hamburg zu Ende ist“, verfügte als Exotin über eine Narrenfreiheit, die ihr half, schnell das Vertrauen der Dorfbevölkerung zu gewinnen.

Vor den staunenden Augen der Außenseiterin – d.h. der Zuschauer – entfaltet sich eine Dorfgemeinschaft, deren Facetten- und Kuriositätenreichtum dem Wunderland, in das die kleine Alice in Lewis Carrolls Buchklassiker gerät, in nichts nachsteht. Im Gegensatz zum weit verbreiteten Klischee begegneten Sung-Hyung Cho keineswegs maulfaule, distanzierte Hinterwäldler, sondern auskunftfreudige Gemütsmenschen. Die Regisseurin zieht sogar Parallelen zwischen der Landbevölkerung und den Heavy-Metal-Fans: „Beide feiern gerne, sind trinkfest, sehr direkt und verfügen über einen ausgesprochen deftigen Humor.“

Ein denkwürdiger Vertreter dieser lebensfrohen, bodenständigen Art ist einer der im Film ausführlich interviewten Landwirte, der dank der Verpachtung seiner ausgedehnten Felder und Wiesen an die Festival-Organisatoren zu einigem Wohlstand gekommen ist. Mit seinem rauen Charme und seiner knarzigen Kettenraucherstimme („Solange ich huste, lebe ich ja noch.“) sorgt er für besondere Heiterkeitsmomente im Film, wenngleich seine Ehefrau angesichts seiner eigenwilligen Lebens- und Ausdrucksweise nicht eben zu beneiden ist. Eine ganze Portion gutmütiger, aber nicht weniger bauernschlau wirkt sein älterer Kollege, von dem die Regisseurin lernt, wie bürokratisiert die moderne Landwirtschaft ist – und wie Müßiggang auf dem Hof aussieht: z.B. Trecker anwerfen, Abgase genießen. Etwaiger Rührseligkeiten beim Anblick niedlicher, kürzlich geborener Kälber begegnet der Milchbauer mit der süffisanten Ankündigung: „Und in ein paar Monaten landet es in der Pfanne.“

Nachdenklich und gottesfürchtig präsentieren sich hingegen jene Rentnerinnen, die nach dem 2. Weltkrieg als Vertriebene aus dem ehemaligen Ostpreußen nach Wacken gelangten. Über ihre Kriegserlebnisse finden auch die pubertierenden, durch und durch im Hier und Heute lebenden Enkelinnen Zugang zu einer ihnen gänzlich fremd anmutenden Vergangenheit. Anhand dieser Porträts bindet Sung-Hyung Cho auch jene Brüche und Verschiebungen ein, von denen die deutsche Gesellschaft insgesamt geprägt ist.

Wenn im letzten Drittel des Films schließlich das Heavy-Metal-Open Air dokumentiert wird, das Wacken alljährlich an einem Sommerwochenende in eine gigantische Freilichtarena und schließlich in eine Müllhalde verwandelt, treibt der absurde Kontrast zwischen Headbangern und Holsteinern die Realsatire auf ihren Höhepunkt. Sung-Hyung Chos vielschichtiger, ungemein humorvoller Heimatfilm hat neben anderen Preisen im Januar als erster Dokumentarfilm den Max-Ophüls-Nachwuchspreis in Saarbrücken gewonnen. MPH

D 2006. Regie und Buch: Sung-Hyung Cho. Mit: Uwe & Lore Trede, Klaus H. Plähn, Irma Schaack, Eva Waldow, Ann-Kathrin & Malena Schaack, Norbert & Birte Venohr, Henning Halver. Flying Moon. 90 Min. Ab 19. April 2007 im Kino.

 

> Inoffizielle Filmseite auf der Webseite des Festivals in Wacken