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1:1




Eine Plattenbausiedlung am Rand von Kopenhagen. Dänen und Immigranten aus arabischen Ländern wohnen in dem sozialen Brennpunkt Tür an Tür.

Das junge Mädchen Mie führt eine Beziehung zu Shadi, einem Palästinenser. Als Mies Bruder brutal ins Koma geschlagen wird, fällt der Verdacht schon recht bald auf Shadis älteren Bruder. Anschuldigungen, Vorurteile und Rachepläne überschatten das Glück der jungen Verliebten. Shadi gerät dabei besonders in die Zwickmühle: Während er die Glaubwürdigkeit seines Bruders anzuzweifeln beginnt, nimmt er ihn vor seiner Freundin in Schutz und weicht ihren Fragen aus.

1:1 mag man vielleicht erst einmal architektonisch verstehen: Die dänische Regisseurin Annette K. Olesen nähert sich der Immigrantenproblematik zuallererst über den Handlungsort. Es geht ihr nicht um ein Modell, sondern um die maßstabsgetreue Verfrachtung ihrer Figuren dorthin, wo der Staat und seine Architekten die sozial Schwachen auslagern: Handlungsort ist die Plattenbausiedlung.

Dann steht 1:1 für Authentizität: Wir begegnen den Protagonisten auf Augenhöhe, erleben ihre Geschichten so wertfrei, wie es das Medium Film zulässt: Dezent, aber berührend instrumentiert Olesen ihre ansonsten bewusst nüchterne Inszenierung, oder sie streut beinahe unmerklich gewitzte Soundeinfälle ein. Abgesehen von Mies Mutter (Anette Støvelbæk) und Oma (Helle Hertz) hat Olesen beinahe alle Rollen mit Laiendarstellern besetzt, die sich ungekünstelt durch die Szenen bewegen. Informationen sind, so Olesen, ebenso wie die Emotionen, nur real im Maßstab 1:1.

Olesen konfrontiert uns mit den Generationskonflikten innerhalb der dänischen Familie ebenso wie mit den Kontroversen, denen sich Shadi zu Hause stellen muss. Hier geht es um Angst, Vorurteile und Rassismus, dort um Stolz, Traditionen und Familienehre. Shadis Bruder wird an seine Verantwortung gegenüber seinem jüngeren Bruder gemahnt, während er schmerzlich die Liebe seiner Eltern vermisst.

Wiederholt fühlt man sich an den Alltag erinnert, wie ihn Fatih Akin mit Gegen die Wand inszenierte. Ebenso spannend, einfühlsam und unmittelbar beobachtet Olesen auch den Dauerzwist zwischen Mies Mutter und Großmutter. In beiden Fällen sind die Leidtragenden die Jugendlichen, die sich emotional orientieren und dabei versuchen, sich von den überalterten Vorstellungen ihrer erwachsenen Vorbilder zu emanzipieren, was ihnen nur begrenzt gelingt.

1:1 versinnbildlicht für Olesen aber vor allem die Bereitschaft zum direkten Dialog: „Die Botschaft des Films ist, dass die Menschen, die am wenigsten mit dem Konflikt zu tun haben – im Film ist es die Oma, die in einem Dorf lebt – die größte Angst haben. Wir fanden heraus, dass es leichter ist, die Angst zu überwinden, wenn man nah am Konflikt ist. Unsere Botschaft lautet: Sprecht mit Menschen.“

Olesen kommuniziert mit Menschen über ihr Medium Film und transportiert souverän ihre Denkanstöße: Sie fragt, wo Ängste entstehen und wo Vorurteile ansetzen. Dabei verdammt sie automatisch den Zuschauer in die Selbstreflexion. Geschickt integriert sie auch den Film selbst in die Thematik, nutzt Dramaturgie und kreatives Potenzial, um zu diskutieren, inwieweit Medien Vorurteile und Ängste lenken bzw. inwieweit diese auf der Leinwand oder eben erst im Kopf des Betrachters entstehen bzw. dort bereits verankert sind. HE

DK/GB 2006 (En til en) Regie: Annette K. Olesen. Buch: Kim Fupz Aakeson. Mit: Mohammed-Ali Bakier, Joy K. Petersen, Anette Støvelbæk, Helle Hertz, Subhi Hassan, Jonas Busekist, Brian Lentz. Arsenal. 90 Min. Ab 10. Mai 2007 im Kino.

 

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